Agrarlobbyisten-Recherche-Reaktionen
Animal Rights Watch auf Twitter Animal Rights Watch auf Facebook Zum YouTube-Kanal

Aktuell

Agrarlobbyisten-Recherche-Reaktionen

Die Agrarlobbyisten-Recherche

Reaktionen im Überblick

lobby-01-1200 Ende September 2016 veröffentlichte Animal Rights Watch (ARIWA) umfassendes Videomaterial aus 12 Schweine-, Puten- und Hühnerbetrieben führender Landwirtschaftsfunktionäre in Deutschland. Die Bilder sorgten für viel Aufregung und Entsetzen, erfuhren enorme Beachtung in der Gesellschaft, in Fachkreisen und den Medien – und sorgten auch für reichlich Wirbel in der Politik. Wie keine Veröffentlichung zuvor zeigten diese Bilder eindeutig, dass es sich bei den Tierhaltungs-Skandalen der letzten Jahre keineswegs um Einzelfälle handelt. Die schockierenden Aufnahmen der Tiere führender Verbandsvertreter bilden offenkundig die grausame Normalität in der deutschen Tierindustrie ab.

Presseecho

presseecho Nach der ersten Veröffentlichung von Videomaterial aus den Ställen von vier Funktionären in der ARD-Sendung Panorama und der Süddeutschen Zeitung berichteten zahlreiche weitere Zeitungen, TV- und Radio-Sender sowie Onlinemedien. Einige Beiträge thematisierten dabei die grundsätzlichen Probleme, die bei der kommerziellen Tierhaltung auftreten und kamen zu dem Schluss, dass Tierleid systemimmanent in der „Nutztierhaltung" ist. Teilweise wurde aber auch den einzelnen Funktionären viel Raum gegeben, die Zustände zu „erklären" und sich zu rechtfertigen. Auch wurde über die Funktionäre, bei denen keine tierschutzrechtlichen Verstöße, sondern nur die durch Verordnungen legalisierte Tierquälerei vorgefunden wurden, weniger berichtet. Dies zeigt erneut, dass für die Presse die Bilder leidender Tiere leider meist erst bei Verstößen gegen geltende Verordnungen zum Thema werden.

Bundestagsdebatte 

Dr. Karin Thissen Am 28.09. wurde in einer Aktuellen Stunde im Bundestag über die Bedeutung und die Konsequenzen der veröffentlichten Bilder debattiert. Diese Diskussion hatte teilweise das Niveau mancher Kommentar-Diskussionen auf Facebook. Die CDU/CSU-Fraktion sorgt sich mehrheitlich darum, dass die Gesetzesüberschreitungen der Recherche-Teams nicht geahndet werden, und betonte immer wieder, aus den Bildern könnten keine pauschalisierten Aussagen über die Zustände in der Tierhaltung abgeleitet werden. Alles, was man zu hören bekam, erinnerte an die Äußerungen aus den Reihen der Landwirtschaftsverbände. „In der Summe bleiben wir Vorreiter im Tierschutz", meinte etwa Dieter Stier. Die LINKE äußerten sich empört über die Ausflüchte der Verantwortlichen. Obwohl Anton Hofreiter (B90/Grüne) klar erkannte: „Es gibt da ein Problem im System", wiederholten die Grünen ihr wohlbekanntes Mantra von der artgemäßen Tierhaltung. Die SPD sprach der Tierproduktionsindustrie jede Glaubwürdigkeit ab. Bemerkenswert war das Statement von Dr. Karin Thissen (SPD), selbst Veterinärin: „Wenn staatliche Strukturen versagen, die Missstände auf allen Ebenen bekannt sind und über Jahre hingenommen werden, dann hat die Presse das Recht, mindestens die moralische Pflicht, diese Missstände zu dokumentieren und anzuprangern."

Reaktionen aus dem Landwirtschaftsministerium

2015-schweine-mast-gesichter-03 Landwirtschaftsminister Christian Schmidt nahm an der Aktuellen Stunde im Bundestag nicht teil. Auch an anderer Stelle brachte er sich nicht in die öffentliche Debatte ein. Anlässlich des „Politischen Erntedanks" im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft am 28. September meinte Schmidt: „Die Landwirtschaft gehört in die Mitte der Gesellschaft. Gegen maßlose Forderungen und ideologische Diffamierungen des gesamten Berufsstandes müssen wir das Wort ergreifen." An anderer Stelle machte er den ungenügenden Tierschutz-Vollzug – also die fehlende Überwachung der Tierhaltungen durch die Behörden vor Ort – für die zuletzt veröffentlichten Bilder verantwortlich. Damit wälzt er erneut die Verantwortung auf die Bundesländer ab und suggeriert, eine effektive Kontrolle wäre möglich und würde Missstände beseitigen. Solange jedoch Tiere in unserer Gesellschaft als Ware und Produktionsmittel gelten, werden grausame Zustände unvermeidlich und Tierquälerei an der Tagesordnung sein. Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, dass sich dieses Problem flächendeckend durch regelmäßige Behördenkontrollen in den Griff bekommen ließe.

2015-kranke-pute-03 Als Reaktion auf die Berichterstattung ist möglicherweise auch die Ankündigung eines staatlichen „Tierwohl"-Labels aufzufassen. „Geplant sei ein mehrstufiges System mit ein, zwei oder drei Sternen." Die Einzelheiten sollen auf der Grünen Woche 2017 präsentiert werden. Staatlich organisiertes Greenwashing als Reaktion auf systematische Tierquälerei in deutschen Ställen – etwas anderes war vom Landwirtschaftsministerium auch nicht zu erwarten. Mit freiwilligen Maßnahmen wie „Tierwohl"-Initiativen, Forschungsprojekten, Branchenlösungen, Modellbetrieben und bald einem staatlichen „Tierwohl"-Label wird weiter lediglich an einem durch und durch kranken System herumgedoktert. Es ernsthaft in Frage zu stellen, neue Wege hin zu einer ökologischen, pflanzenorientierten Landwirtschaft, zu einer veganen Ernährung für alle zu gehen und sich mit den Profiteuren wie den Bauernfunktionären anzulegen – das traut sich die Politik auch nach der letzten Veröffentlichung nicht.

Röring, Gumpert, Storck: Herunterspielen, Abwälzen, Angreifen

Die betroffenen Funktionäre reagierten – wenig überraschend – in einem Kontinuum mehr oder weniger rigoroser Zurückweisung der Vorwürfe.

2014-totes-verwesendes-mastschwein-01 Einige der Verbands-Chefs, allen voran Bundestags- und Medien-Profi Johannes Röring, gingen in die Offensive und sagten, dass es sich bei den gezeigten, leidenden Tieren in ihren Anlagen nur um einige wenige Tiere von vielen Tausenden handele und dass viele der zu sehenden Zustände nicht illegal seien. Röring behauptete ebenfalls, das Filmteam hätte ein 100 kg schweres totes Schwein in seinem Stall platziert. Dass diese Aussagen abwegig sind, belegen neue Aufnahmen von Peta, die sehr ähnliche Zustände in Rörings Anlagen dokumentieren. Johannes Röring hat im Oktober mittels einstweiliger Verfügung erwirkt, dass der NDR die Bilder aus seinem Stall nicht mehr ausstrahlen darf. Sein vorgeschobener Grund: es wären keine Verstöße auf den Bildern zu sehen.

Andere Funktionäre gaben Missstände zu, erklärten jedoch, diese seien – aus unterschiedlichen Gründen – nur kurzfristig aufgetreten und bereits behoben. Dass sich Krankheiten und Todesfälle nicht vermeiden ließen und damit zum normalen Wahnsinn gehören, leugnete niemand.

2015-ferkel-erschlagen-01-verpixelt So erklärte Helmut Gumpert (Präsident des Thüringer Bauernverbands), die Angestellten seines Betriebes seien verantwortlich und müssten eventuell mit Konsequenzen rechnen. Wieder einmal versucht derjenige, der in einem Betrieb das Sagen hat, sich durch billige Bauernopfer aus der Verantwortung zu ziehen. Dabei ist klar, dass in einer Schweinezucht Angestellte nur dann „unprofitable" Ferkel auf dem Boden zerschmettern, wenn es dort gängige Praxis ist.

Auch Thomas Storck (Präsident des Verbands Deutscher Putenerzeuger und Vize-Präsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft – ZDG) wälzte die Verantwortung auf Mitarbeiter/innen ab, die angeblich seine Anweisungen missachtet hätten. Nach deren Entlassung seien die Probleme behoben.

2015-mast-kannibalismus-07 In dem Familienbetrieb von Paul Hegemann (Vorsitzender des Zentralverbands der deutschen Schweineproduktion – ZDS) wurden einem Schwein bei lebendigem Leib von seinen Artgenossen Fleischstücke herausgebissen. Die Bilder lassen deutlich erkennen, dass sich anscheinend niemand wirklich um die Tiere kümmert und verletzte Tiere nicht behandelt und separiert werden. Was meint Paul Hegemann dazu? In einer an Zynismus kaum zu überbietenden Erklärung „bedauerte [er] das Entstehen solcher Bilder, die es in einer tierwohlgerechten Schweinehaltung zu vermeiden gilt." Es würden „täglich Stallrundgänge statt[finden]", und die Bilder erklärte er durch „akuten Kannibalismus (Schwanzbeißen) und entsprechende Verletzungen, die tierärztlich behandelt worden sind. Ergänzend wurde zusätzliches Beschäftigungsmaterial in den Buchten eingesetzt. Leider hat die Behandlung nicht zu dem erhofften Erfolg geführt." Auch die Augenentzündungen seien lediglich kurzfristig aufgetreten und wurden behandelt. Nach Ansicht von ARIWA hängen diese jedoch mit den systematisch stark überhöhten Ammoniakwerten in der Luft zusammen.

elterntierhaltung -eitrige-kloake Auch Leo Graf von Drechsel (Präsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft – ZDG) zeigte sich „betroffen" und geizte nicht mit billigen Erklärungen. Zu dem Zeitpunkt, zu dem die Bilder angefertigt wurden, hätte in der WIMEX-Elterntierhaltung ein „zunehmende[r] Durchfalldruck in einzelnen Ställen, der trotz eingeleiteter tiermedizinischer Behandlung zu vermehrten Entzündungen und Rötungen führte", geherrscht. Er bedauere, „hier den Tieren nicht besser geholfen haben zu können". Die Rücken- und Schulterverletzungen der Hennen basierten „auf – in Einzelfällen – zu aggressivem Verhalten beim Paarungsakt der befruchtenden Hähne, die sich am Gefieder der weiblichen Tiere festkrallen". Drechsel erklärte, in Zukunft solle solchen Bildern durch intensivere „tiermedizinische Betreuung, bestehend aus Vorsorge und angepasster, zielgerichteter Behandlung" vorgebeugt werden. Doch Bilder wie die aus der WIMEX-Anlage sind keineswegs Einzelfälle, die sich durch besseres Management abstellen lassen. Sie dokumentieren den Fehler im System – die grausame Normalität, wenn Tiere benutzt werden und als Ware gelten.

Erklärungen der Landwirtschaftsverbände

2015-schweinemast-gesicht-01 Die betroffenen Verbände veröffentlichten halbseidene Stellungnahmen, in denen Tierschutzverstöße zugegeben wurden. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Kritik an den unhaltbaren Zuständen fand aber – kaum überraschend – nicht statt. Stattdessen wurden ARIWA und die Medien angegriffen.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) und die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V (ISN) beklagen in einer Stellungnahme, dass das Filmmaterial teilweise über ein Jahr alt sei und ARIWA die Verstöße nicht zeitnah den Behörden gemeldet habe, um sie abzustellen.

Der DBV erklärt, dass die „abschließende Klärung und Bewertung" des Materials schwierig sei, „da es aus unklaren Quellen stammt, unter dubiosen Umständen zustande gekommen zu sein scheint und einem Manipulationsverdacht nachgegangen werden muss."

Und wieder einmal wird den Medien vorgeworfen, unverantwortlicher Weise Bildmaterial aus „Stalleinbrüchen oder widerrechtlichem Eindringen in Ställe" zu verwenden. Und häufig wird behauptet, ARIWA ginge es nicht um den Schutz der Tiere, sondern um finanzielle Einnahmen. Auf diese Vorwürfe sind wir hier bereits eingegangen.

Auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) instrumentalisierte die Diskussion für ihre Zwecke und verkündete in einer Pressemitteilung, solche Bilder wären in den allermeisten Familienbetrieben kaum denkbar. Dabei entstand die Hälfte der Aufnahmen in Familienbetrieben, direkt hinter dem Wohnhaus der Funktionäre. All die dokumentierten Grausamkeiten bleiben so lange bestehen, wie Tiere kommerziell genutzt werden.

Hausdurchsuchung und Ermittlungsverfahren gegen Helmut Gumpert in Thüringen

2015-schweine-mast-auf-verkotetem-stroh-01 Die Kontrollbehörden und Staatsanwaltschaften reagierten sehr zurückhaltend. Das für die Kontrollen in Sachsen-Anhalt zuständige Landesverwaltungsamt hat sich mit der Bitte um das Videomaterial an ARIWA gewandt. Das Landratsamt Saale-Orla-Kreis, das für die Überwachung von Gumperts Betrieb verantwortlich ist, zeigte kein Interesse am Bildmaterial und den darauf festgehaltenen Verstößen, wenn ARIWA diese nicht aktiv bei der Behörde melde. Stattdessen wurden die Ställe des thüringischen Bauernverbandspräsidenten im Rahmen einer zuvor angekündigten Teamkontrolle durchsucht. Eine Vorgehensweise, die viel über den Zustand des Tierschutzvollzugs in Deutschland aussagt.

Gesamtgesellschaftlicher Diskurs

Wichtiger als die Verfolgung einzelner Straftäter und die Sanktionierung einiger ausgewählter Betriebe unter vielen ist der gesamtgesellschaftliche Diskurs, der durch solche Recherchen und Veröffentlichungen ausgelöst wird. Ein Diskurs nicht nur über „Systemfehler" und die Notwendigkeit politischer Maßnahmen, sondern einer, der vor allem die Zukunft der „Nutztierhaltung" und ihre ethische Vertretbarkeit hinterfragt. Und das geschieht mittlerweile in verstärktem Maße: Immer mehr Menschen lehnen die Nutzung von Tieren zur Lebensmittelproduktion ab. Immer mehr Menschen engagieren sich für ein Ende der „Nutztierhaltung". Noch funktioniert das Bollwerk aus Lobby und Politik. Durch diese Recherche hat es jedoch erneut ein großes Stück an Glaubwürdigkeit verloren.

 

Schwein in Mastanlage

Mit Ihrer Hilfe können wir noch mehr bewirken!

Unterstützen Sie unsere Arbeit:

Mehr zu diesem Thema: