Schächten
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Aktuell

Das ‚Schächten’ - Tierquälerei im Namen der Religion?

Schaf Viele Mitbürger islamischen Glaubens feiern jährlich das traditionelle Opferfest Kurban Bayrami oder möchten sogar ganzjährig nach traditionellen Riten schlachten. Fast genauso traditionell sind die damit einhergehenden, oftmals emotional sehr heftig geführten Diskussionen um den im allgemeinen Sprachgebrauch als „Schächten“ bezeichneten Ritus.

Derzeit erhält die Diskussion neuen Auftrieb: Die Bundestierärztekammer fordert von der Bundesregierung ein Verbot der betäubungslosen Schlachtungen. Animal Rights Watch recherchierte Hintergründe und veröffentlichte Filmmaterial von Schächtungen mit versteckter Kamera. Das ARD Magazin REPORT MAINZ berichtete am 7. Juli 2008 darüber.

Juli 2008: Wie Tiere beim Schlachten sterben, weiß kaum jemand so richtig: Sie sterben allesamt durch Ausbluten, egal ob „geschächtet“ oder „geschlachtet“. Den Tieren wird dazu meist der Hals aufgestochen oder aufschnitten, je nach Schlachtart mal längs oder mal quer. In Deutschland und anderen westlich orientierten Ländern ist dabei eine vorherige Betäubung der Tiere gesetzlich vorgeschrieben, damit ihnen „erhebliche Schmerzen und Leiden“ erspart bleiben sollen. Inwieweit dies in unserer industriellen Fleischproduktion tatsächlich funktioniert, sei an dieser Stelle dahingestellt. Gängige Verfahren zur Betäubung sind Bolzenschuss ins Kleinhirn, Stromstoß mit einer Elektrozange oder CO2-Betäubung. Traditionell verzichtet man in Ländern islamischen oder jüdischen Glaubens mitunter auf diese vorherigen Betäubungen. Dort, wo verschiedene Kulturen zusammen treffen, aber Tierschutzgesetze Betäubungen vor der Schlachtung vorschreiben, sind regelmäßige Konflikte vorprogrammiert, sobald Schlachtungen nach islamischen oder jüdischen Riten durchgeführt werden sollen.

Das Tierschutzgesetz in Deutschland sieht aus diesem Grund eine Ausnahme zur vorgeschriebenen Betäubung vor der Schlachtung vor. In §4a, Nr2. Abs. 2 des Tierschutzgesetzes ist geregelt, dass die zuständigen Amtsveterinäre Ausnahmegenehmigungen erteilen können (und müssen), wenn es zwingende Vorschriften von Religionsgemeinschaften gibt, die „das Schächten vorschreiben oder den Genuss von Fleisch nicht geschächteter Tiere untersagen“. Der Gesetzgeber stellt damit die Religionsfreiheit im Zweifel über den Tierschutz.

Opferfest Kurban Bayrami Die Schlachtriten

Die rituelle Schlachtung nach jüdischem Glauben beinhaltet unter anderem ein Schlachten ohne vorherige Betäubung. Nach Meinung der Befürworter der betäubungslosen Schlachtung ist nur so das Fleischer „koscher“ - also tauglich (eigentlich kaschèr, von Tauglichkeit). Das Wort „Schächten“ oder „Schechita“ stammt aus der hebräischen Sprache, bedeutet nichts anderes als schlachten (hebr. שחט šaḥaṭ = schlachten) und bezeichnet ausschließlich das jüdische, aber nicht das islamische Ritual. Das traditionelle islamische Schlachtritual beinhaltet ebenfalls eine betäubungslose Schlachtung. Die Befürworter dieses Rituals begründen dies durch die islamische Verbotsvorschrift, dass man kein Fleisch „verendeter Tiere“ zu sich nehmen darf, dies ist nach dem Koran „haram“ - verboten. Ihre Schlussfolgerung ist, dass das Essen von Fleisch nach islamischem Glaube nur dann „halal“, also erlaubt sei, wenn das Tier, von dem das Fleisch stammt, ohne vorherige Betäubung sterben würde.

Eine oft vertretene Begründung islamischer Vertreter ist, dass eine vorherige Betäubung grundsätzlich irreversibel sei, das Tier also zwangsläufig verenden würde, auch wenn der Tod nicht anschließend durch einen Halsschnitt herbeigeführt würde. Das Tier könne demnach zum Zeitpunkt der Schlachtung durch die Betäubung schon „verendet“, also „haram“ sein. Das betäubungslose Schlachten soll also sicherstellen, dass keine toten Tiere geschlachtet werden.

Situation in Deutschland

Praktisch ist es in Deutschland derzeit so, dass Schlachtungen nach jüdischen Riten nicht vorgenommen werden, wie der Zentralrat der Juden bestätigt. Dies wurde auf einer Veranstaltung der „Akademie für tierärztliche Fortbildung“ am 14. November 2007 ebenfalls festgestellt, welche sich speziell an Amtsveterinäre richtete, die mit Anträgen zum betäubungslosen Schlachten konfrontiert sind. Anders die Situation bei den Riten zum islamischen Schlachten. Insbesondere zum islamischen Opferfest Kurban Bayrami wird eine Vielzahl von Anträgen auf betäubungsloses Schlachten gestellt. Vermehrt berichten die Amtstierärzte derzeit auch von Anträgen auf ganzjährige Dauergenehmigung zum betäubungslosen Schlachten. Die rechtliche Situation ist komplex. Die Entscheidung liegt im Zuständigkeitsbereich der Amtsveterinäre, die im Einzelfall darüber befinden müssen, ob die Voraussetzungen für die Erteilung einer Ausnahmegenehmigung vorliegen. Verweigert ein Amtstierarzt das betäubungslose Schlachten, endet der Fall nicht selten vor Gericht.

Schafe Tierärzte fordern Verbot

Die Bundestierärztekammer hat sich eindeutig positioniert, nicht zuletzt um die Amtstierärzte aus der Verantwortung zu nehmen, solche fachfremden rechtlichen Abwägungen treffen zu müssen. Auf Beschluss der Delegiertenkonferenz fordert die Bundestierärztekammer vom Gesetzgeber die Streichung des Ausnahmeparagraphen im Tierschutzgesetz, sprich die Abschaffung von betäubungslosen Schlachtungen in Deutschland. Sie begründet dies mit „extremen Schmerzen und Leiden“ für die Tiere. Wissenschaftliche Studien wurden ausgewertet und dem Gesetzgeber vorgelegt. Es ließe sich mit dem Tierschutz im Grundgesetz und dem hohen gesellschaftlichen Stellenwert ihres Erachtens nach nicht vereinbaren, dass selbst unter idealen Bedingungen erhebliche Schmerzen und Leiden nicht vermieden werden können.

Nach dem Entblutungsschnitt kann demnach extreme Erstickungsangst entstehen, Blut oder Mageninhalt stauen sich in der Luftröhre. Dies erleben die Tiere bei vollem Bewusstsein mit, ebenso wie die Schmerzen durch den Halsschnitt. Mitunter noch Minuten nach dem Halsschnitt versuchen die Tiere wieder auf die Beine zu kommen und zu flüchten, so die Tierärzteschaft. Die Bundestierärztekammer stellt fest, „dass diese Zustände in erschreckendem Maße tierschutzwidrig sind“.

Religion: Die vorgeschobene Begründung?

Die Bundestierärztekammer weist darauf hin, dass schon jetzt die meisten betroffenen Religionsgemeinschaften eine Elektrokurzzeitbetäubung akzeptieren. In Neuseeland, woher ein Großteil des religiös erschlachteten Schaffleisches importiert wird, sei dieses Betäubungsverfahren üblich. Dies sei mit den Religionsvorschriften durchaus vereinbar. So sehen das im Übrigen auch hohe Gelehrte des Islam. Eine vorherige Betäubung des Tieres sei nicht mit einem „verendeten“ Tier gleichzusetzen, also durchaus nach dem Koran erlaubt. Der Koran selbst gibt keine genaue Schlachtmethode vor. Verschiedene islamische Gruppierungen, Imame und Einzelpersonen sehen dies jedoch teilweise anders und berufen sich auf traditionelle Riten. Der einfache Gläubige ist mitunter überfordert und folgt dann oftmals denjenigen, die vor den Gerichten medienwirksame Grundsatzurteile erwirken.

Galionsfigur ist der islamische Metzger Rüstem Altinküpe aus Aßlar-Werdorf. Er führt seit vielen Jahren gerichtliche Auseinandersetzungen mit dem Land Hessen und dem Lahn-Dill-Kreis. Altinküpe hatte am 15.01.2002 das sogenannte „Schächt-Urteil“ am Bundesverfassungsgericht erwirkt, welches ihm das betäubungslose Schlachten gestattete. Dieses Urteil war seinerzeit einer der Beweggründe für die Politik, im Mai 2002 den Tierschutz in unsere Verfassung aufzunehmen. Nach der Aufnahme des Staatsziels Tierschutz schien es dann auch zuerst unmöglich, Ausnahmegenehmigungen zum betäubungslosen Schlachten zu erlangen. Rüstem Altinküpe verfolgte seine Ziele weiter und erwirkte trotz der Verfassungsänderung weitere Gerichtsurteile zu seinen Gunsten. Zuletzt bestätigte am 23.11.2006 das Bundesverwaltungsgericht ein Urteil des Verwaltungsgerichtshofes Kassel vom 24.11.2004, wonach er einen Anspruch auf eine Ausnahmegenehmigung zum betäubungslosen Schlachten von 200 Rindern und 500 Schafen jährlich habe. Diese Urteile sind der Grund dafür, dass die Amtsveterinäre derzeit nur wenige Möglichkeiten haben, Anträge zum betäubungslosen Schlachten abzulehnen. Mittlerweile belaufen sich Altinküpes aktuelle Antragszahlen vom Dezember 2007 auf 340 Rinder und 3.400 Schafe.

betäubungslos geschlachtete Schafe Die Politik ist am Zuge

Die Bundesregierung vertritt bis dato die Meinung, dass die für die Anträge zur Ausnahmegenehmigung zuständige Behörde die Verfassungsgüter gegeneinander abwägen müsse. Gerichte jedoch verwerfen die ablehnenden Bescheide der Behörden. Diese Konstellation kann nur durch politische Handlung verändert werden. Das Land Hessen hatte bereits im Jahr 2005 eine dahingehende Bundesratsinitiative zur Änderung des „Schächtparagraphen“ eingebracht, welche eine gewisse Reduzierung der Ausnahmegenehmigungen zur Folge gehabt hätte. Der Bundesrat stimmte dem Antrag am 06.07.2007 mehrheitlich mit 14:2 Stimmen zu. Die Bundesregierung wurde aufgefordert, den Paragraph 4a des Tierschutzgesetzes entsprechend zu ändern.

Passiert ist daraufhin nichts, im Gegenteil: Der Tagesordnungspunkt „Schächten von Tieren“ wurde am 07.11.2007 nicht wie angesetzt im zuständigen Ausschuss behandelt und soll in der eingebrachten Form auch nicht weiter behandelt werden. Die Bundestierärztekammer erhofft sich von ihrem Vorstoß nun ein politisches Handeln. Nach Meinung der Tierärzte gebiete ein konsequenter Tierschutz, dass „eine Tötungsmethode, die als tierschutzwidrig erkannt wurde, durch schonende Alternativen zu ersetzen“ sei. Bis zu einer halben Million Schafe und eine unbekannte Zahl an Rindern werden jährlich in Deutschland ohne Betäubung geschlachtet. Eine Größenordnung, bei der man von der Politik eine Einmischung erwarten könnte.

Der 'Schächtschnitt' Filmaufnahmen der gängigen Praxis

Wie es bei einer Schlachtung nach islamischem Ritus zugeht, filmten Aktive mit versteckter Kamera in einem türkischen Schlachthaus in Niedersachsen. Dort erhält man ganzjährig Fleisch von Tieren aus betäubungsloser Schlachtung. Lamm, Schaf, Kalb oder Rind, hier kann man „Halal-Fleisch“ von für Moslems erlaubten Tierarten erwerben. Die Tötung erfolgte bei dem Besuch der Undercoveraktivisten routiniert ohne Betäubung. Eine Ausnahmegenehmigung und somit eine Erlaubnis zur rituellen Tötung liegt für diesen Betrieb jedoch nicht vor. Hier wird vor den offenen Augen der Behörden schwarzgeschlachtet, ohne dass jemand einschreitet.

Einfache Lösungen

Das Bundesverwaltungsgericht musste bereits 1995 zum Thema urteilen, seinerzeit im Sinne des Tierschutzes. Zur Begründung führten die Richter an, dass eine Religion möglicherweise den Verzehr nicht geschächteter Tiere verbiete, aber nicht den Verzehr von Fleisch generell vorschreibe. Somit kamen sie zu der einfachen, naheliegenden aber eher unpopulären Lösung: „Zwar mag Fleisch heute ein in unserer Gesellschaft allgemein übliches Nahrungsmittel sein. Der Verzicht auf dieses Nahrungsmittel stellt jedoch keine unzumutbare Beschränkung der persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten dar. Diese an Art. 2 Abs. 1 GG zu messende Erschwernis in der Gestaltung des Speiseplans ist aus Gründen des Tierschutzes zumutbar.“ Das Ergebnis der Richter lautet einfach formuliert: Wer kein Fleisch von mit Betäubung geschlachteten Tieren möchte, soll es halt lassen.

Der Landrat des Kreises Wetzlar, in dem Rüstem Altinküpe seine Metzgerei betreibt, ist ausgewiesener Gegner des betäubungslosen Schlachtens. Er geht neben diesem Thema in seiner Pressemitteilung vom 06.12.2006 auch auf den Tierschutz im Grundgesetz und den ethischen Tierschutzgedanken in Deutschland im Allgemeinen ein: Derartige Entwicklungen, die das Grundverständnis unserer Gesellschaftsordnung berühren, müssen seiner Meinung nach von allen Bürgerinnen und Bürgern gleichermaßen anerkannt werden. Allerdings ergibt sich damit, so der Landrat weiter, „eine ganz neue und keineswegs abschließend geprüfte Problematik: Nimmt unsere Gesellschaft das Staatsziel ‚Tierschutz’ wirklich so ernst, wie es die Verfassung verlangt, wenn wir an den Prinzipien der industriellen Fleischproduktion festhalten?“

Der Landrat gibt damit zu bedenken, dass die industrielle Fleischproduktion möglicherweise ebenso wenig wie das Schächten mit unserer Verfassung in Einklang zu bringen ist. Die gängige Praxis in deutschen Schlachthöfen ist nämlich, dass viele der rund 600 Millionen jährlich geschlachteten Tieren nur vermeintlich betäubt geschlachtet werden. Die Tiere wachen trotz Betäubung durch Strom oder Bolzenschuss oftmals wieder auf und erleben ihre eigene Schlachtung bei vollem Bewusstsein mit – und das trotz teils intensiven Bemühungen der Industrie diese Betäubungsmechanismen zu optimieren. Kritik am „Schächten“ ist daher auch immer eine Kritik am Schlachten (ergänzend dazu: Bericht aus einem deutschen Schlachthof).

REPORT MAINZ

 

Klicken Sie hier um den Beitrag vom 07.07.2008 von REPORT MAINZ zu sehen.

 


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