Nachklapp: Alles Bio - alles gut?
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Nachklapp: Alles Bio, alles gut?

biomaerchen Die ARD Reportage „Wie billig kann Bio sein?", in der Filmmaterial von Animal Rights Watch (ARIWA) aus Bioställen ausgestrahlt wurde, hat hohe Wellen geschlagen - Betroffenheit allerorts. Aber was ist jetzt die Erkenntnis aus der unschönen Sache, die von sehr vielen Medien aufgegriffen wurde? Die einen fordern Sanktionen gegen die Betreiber der Anlagen, aus denen „die schlimmen Bilder" stammen, die anderen „besseres Bio" mit Richtlinienüberarbeitung bis hin zu „Biobauernhöfe statt Biofabriken", wie wir es bereits aus dem konventionellen Bereich als „Bauernhöfe statt Agrarfabriken" kennen. Trotz aller Aussichtslosigkeit, das glückliche Huhn gleich der Nadel im Heuhaufen zu finden.

Die Betreiber der „schlimmen Anlagen" sind im Recht – im EG-Öko-Recht. Was sie ihren Tieren antun, unterstützt vom gutgläubigen Konsumenten, ist legal. Bis auf „Kleinigkeiten" – aber allemal bio. Bio, wie es in jedem Laden liegt, egal ob Dorfsupermarkt, Discounter, Hofladen. Nicht in Ordnung und extrem groß ist allerdings die Diskrepanz zwischen dem, was der Verbraucher von Bio erwartet und von der Branche mit schönen Bildern und lieblichsten Worten vorgegaukelt bekommt. Laut Ökobarometer des BMELV ist die angenommene „artgerechte Tierhaltung" die größte Motivation, Bio zu kaufen: 94% der Bevölkerung nennen sie als Grund für den Bioeinkauf. Was sie bekommen entspricht allerdings so gar nicht dem, was sie erwarten, da sitzt der Schock tief.

Zu tatsächlicher Transparenz sind auch jetzt weder Erzeuger noch Bauernverband bereit. Schlimmer noch: der Deutsche Bauernverband spricht von „Verunglimpfung der Bio-Bauern, die keineswegs Tierquäler seien" und nennt den ARD-Beitrag „inakzeptabel und unredlich". Schließlich seien doch „konventionelle wie Bio-Landwirte gesetzlich und vom Berufsethos her verpflichtet, ihre Tiere tiergerecht zu halten und die Gesetze des Tierschutzes einzuhalten". Haltungsbedingungen, wie im Film gezeigt, seien „untragbar und nicht zu tolerieren" und „hätten sofort zur Anzeige wegen Tierquälerei kommen müssen". Dass Tierhaltung gemäß geltenden Rechtsvorschriften allerdings gleichzeitig „untragbare Tierquälerei" und eben „Recht" sein kann – dazu kein Kommentar.

Stattdessen ein bäuerlicher Fehlschuss in Richtung ARD und Animal Rights Watch (vormals „die Tierfreunde") - Animal Rights Watch hatte die Aufnahmen aus den Bioställen zur Verfügung gestellt. Man müsse prüfen, ob ARD und Tierschützer nicht „Unterlassung begangen haben, weil sie die Tierquälerei nicht meldeten". Ok, das sähe dann so aus: „Hallo, hier ist Animal Rights Watch. Hier ist ein Biostall. Sieht alles Scheiße aus, die Tiere leiden, es ist aber alles legal und im Rahmen von Gesetzen und Verordnungen. Darum erstatten wir Anzeige." Wie verrückt ist das? Der Staatsanwalt hilft da nicht. Auch nicht der Amtsveterinär. Und nein: auch die Polizei nicht. Weil eben alles den rechtlichen Vorgaben entspricht. Und trotzdem Tierquälerei ist.

Der Bauernverband betont zur Verteidigung seiner Bio-Schäfchen nebenbei noch, dass schließlich auch die gebeutelten Biobauern dem Marktdruck durch den Lebensmitteleinzelhandel unterliegen. Übersetzt: artgerechte Tierhaltung ist bei dem, was das fertige Bioprodukt in die Biokassen der Bioerzeuger bringt, nicht drin. Genau jetzt wäre der passende Zeitpunkt gewesen, dem Verbraucher das auch klar zu transportieren: Wenn du mir mindestens einen Euro pro Ei und 50 Euro für ein Kilo Fleisch bezahlst, könnten wir davon vielleicht „annähernd artgerecht" produzieren. Wirklich ernähren können wir damit natürlich niemanden. Vor allem auch deshalb nicht, da die tierische Bioproduktion noch mehr Ressourcen verschwendet und pflanzliche Nahrungsmittel vernichtet als die konventionelle Tierhaltung.

Die Moral aus der Geschicht? Der Verbraucher kann nur „regulierend eingreifen", wenn er über die tatsächlichen Produktionsbedingungen informiert ist. Nur treten diejenigen, die für die Produktion verantwortlich sind, auch jetzt weder für mehr Transparenz und Ehrlichkeit ein, noch wird der geringste Wille zu Verbesserungen erkennbar. Auch das: alles andere als „Bio". Mahlzeit!

Seit bald einem halben Jahrhundert können wir zum Mond fliegen. Grade im Moment kurvt ein von uns entsendetes kleines Roboterwägelchen über den Mars, macht hübsche Fotos und schickt sie uns auf die Erde. Aber wir sind zu blöde, ökologisch und ethisch korrekten, ressourcen-, umwelt-, klima- und wildtierfreundlichen bio-veganen regionalen Landbau zu betreiben und uns davon gesund zu ernähren. Wäre ja auch zu einfach.

Oder?

Bauer Lempe freut sich sehr
sein Hof wird BIO, will man mehr?
Ethisch woll´n die Leute essen
jetzt wird der Stall ganz neu vermessen
Wozu, weiß Lempe nicht genau
hat sie doch kaum mehr Platz, die Sau
Und auch das Huhn bleibt lieber drinnen
an den BIO-Futterrinnen.

Was soll´s, denkt Lempe, das Famose:
Er spart sich glatt die Antibiose!
Denn mit drei Halmen BIO-Stroh
sind auch die kranken Tiere froh
Beim BIO-Schlachter seiner Wahl
wird selbst der Tod nicht mehr zur Qual
Jeder weiß, was dort passiert ...
aber doch zertifiziert!

Der Verbraucher hat die Macht?
Die Industrie hat nachgedacht:
Wonach das BIO-Herz nur strebt
wird kostengünstig aufgeklebt
Lempe streicht den Kuhstall grün,
vor dem so hübsche Blumen blühn
So schnell lässt sich mit Etiketten
unsre arme Erde retten.

Tina

ARD FAKT: Biologische Tierhaltung und ihre Schattenseiten

Das Magazin FAKT ist der Frage „Wie billig kann Bio sein?“ nochmal nachgegangen. Aufklärung von Seiten der Verbände und Erzeuger: Fehlanzeige. ARD FAKT berichtete am 18.9. über die Reaktionen der Biobranche.

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