Recherche auf deutschen Pelzfarmen
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Recherchen auf deutschen Pelztierfarmen

Pelzfarm Der Bericht eines Augenzeugen

Flach zusammengekauert in kniehohem Gestrüpp fährt drei Meter neben uns langsam ein kleiner Traktor vorbei. Er hat Nerzkot geladen und kippt die stinkende Fracht unweit unseres notdürftigen Versteckes auf einen Haufen. Von dem Besuch im Gestrüpp weiß dieser Nerzzüchter nichts. Wir sind wirklich froh, dass die olivgrüne Tarnkleidung so gut zur Umgebung passt.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch keine Ahnung, dass uns diese Situation, im Vergleich zu dem was vor uns lag, als eher entspannt in Erinnerung bleiben würde.

Pelzfarm Wie es auf deutschen Farmen heute aussieht, weiß kaum jemand. Die Pelzlobby, allen voran das Deutsche Pelzinstitut, gibt an, die schlimmen Bilder von gequälten Tieren in kleinen Käfigen wären veraltet. Heute seien die Farmen modern geführt und den Tieren ginge es gut. Tatsächlich existierte vor den Recherchen wenig aktuelles Filmmaterial aus Deutschland. Kamerateams erhalten entweder keine Drehgenehmigung oder werden nach Terminabsprache in vorbereitete Vorzeigefarmen geführt. Tatsächlich sind die Pelzfarmen auf unterschiedlichste Weise abgeschottet. Ich höre noch den Zischlaut der Stromleitung, als eine Kollegin versehentlich die stromführenden Leitungen berührte. Mehr als einmal stießen wir während unserer Recherchen auf diese Art der Geländesicherung von Nerzfabriken. Aber fangen wir vorne an:

Pelzfarm Die Recherchen

Aufgrund unterschiedlicher Angaben über die Existenz von Pelzfarmen in Deutschland war bereits die Vorrecherche ungewöhnlich aufwendig. Viele Farmen sind nach dem ersten Einbruch der Pelzindustrie in den 80er und 90er Jahren geschlossen worden und niemand weiß ganz genau, welche nun noch in Betrieb sind und welche nicht. Knapp 30 Nerzfabriken sollen derzeit nach offiziellen Angaben noch betrieben werden. Etwa 300.000 Tiere, meist Minks, eine etwas größere Nerzart, die ursprünglich in Amerika beheimatet ist, werden auf diesen Farmen gehalten. Über 20 Farmen haben wir in den letzten Wochen besucht und die Gegebenheiten mittels Foto- und Filmaufnahmen dokumentiert.

Das größte Problem bei Pelzfarmenrecherchen ist, dass die Tiere nur bei Tageslicht gefilmt werden können. Die Schuppen sind nach allen Seiten offen, so dass nächtliche Recherchen nicht in Frage kommen: Das dafür notwendige Kunstlicht wäre weit zu sehen - zumal meist die Wohnhäuser direkt auf dem Farmgelände stehen. Das bedeutete, dass wir uns bei Tage möglichst ungesehen den Farmen nähern mussten. Leider deckt sich im Herbst die Zeit des Tageslichtes in etwa mit der Arbeitszeit in den Farmen, was mehr als einmal zu unangenehmen Situationen führte.

Pelzfarm Die erste Farm auf unserer ersten Tour war direkt eine der unzugänglichsten Anlagen. Sie liegt unmittelbar am Rande eines Wohngebietes. Um unbemerkt dorthin zu gelangen, musste zuerst einmal eine halbstündige Wanderung quer durch den Wald unternommen werden. Dort angekommen, standen wir vor einer 2 Meter hohen Blechwand zusätzlich mit 2 Reihen Stacheldraht versehen. Aus der Farm hörten wir die ersten Schreie der Nerze. Etwa 12.000 Tiere sollen hier gehalten werden. Vorsichtige Blicke über den Blechzaun brachten Gewissheit: Reihe an Reihe mit schwarzen und weißen Nerzen. Inmitten der Farm Käfige anderen Typs: Füchse? Waschbären? Wir konnten es von außen nicht erkennen. Die Einblicke wurden immer wieder unterbrochen, als Arbeiter durch die Farm gingen. An diesem Tag hatten wir keine Chance, auf das Farmgelände zu gelangen.

enge Käfige mit Futter - Pelztierfarmen Zwei Tage später schafften wir es, unbemerkt den hohen Zaun inklusive Stacheldraht zu überwinden. Am anderen Ende der Farm wurde noch gearbeitet. Da waren sie nun: Käfig an Käfig, Reihe an Reihe, Schuppen an Schuppen: Tausend arme Seelen die nichts anders kannten außer Drahtgitter oben, unten, links, rechts, vorn und hinten. Ein ewiges Hin- und Her, stereotypische Bewegungen, Leid und Qual wohin man schaute. Ein unwürdiges Dasein, ein unerträglicher Anblick. Auf den Käfigen der stinkende, unappetitliche Futterbrei zusammengequirlt aus Schlachtabfällen oder toten Artgenossen.

Pelzfarm Während die Tierquälerei gefilmt wurde, hielt ich Ausschau nach den Arbeitern. Sie sollten uns nicht sehen, hatten wir doch noch viel mehr vor - und eine Warnung eines Pelzfabrikanten an die anderen könnte die gesamte Recherche gefährden. So konzentriert auf das Tun der Arbeiter bemerkte ich zuerst nicht, wie sich neben mir die Tiere in den Käfigen für mich interessierten. Aufgeregt standen sie auf den Hinterbeinen und starrten mich an. Natürlich: Es tat sich gerade etwas in dem trostlosen Leben dieser armen Kreaturen. Sie kennen ja nichts außer dem Traktor, der ein oder zweimal täglich den stinkenden Futterbrei auf ihre Käfige kleistert. Später nahm ich ein kleines Stöckchen und steckte es in den Käfig: Alle 4 Insassen stürzten sich darauf und gaben es nicht wieder her. Ein Stöckchen - ein unbekanntes Spielobjekt.

Pelzfarm Wir machten uns auf den Weg weiter zur Farmmitte, wo die etwas größeren Käfige standen. Von Schuppen zu Schuppen hangelten wir uns weiter, immer dann, wenn die Arbeiter in einer andere Richtung schauten. Wir trauten unseren Augen nicht: Es waren Marderhunde, die dort in etwa 1 Meter kleinen Käfigen gefangen gehalten wurden. Marderhunde, die es eigentlich auf deutschen Farmen gar nicht mehr gibt. Verängstigt schauten sie aus ihren Hütten. Einer nach dem andern kam heraus und drehte seine kurze Runde, die ihm der Käfig erlaubt und verzog sich wieder in die kleine Holzhütte. Unfassbares Leid. Ich dachte kurz an die Hunde bei uns Zuhause wie unerträglich es wäre, sie in solchen Kerkern zu wissen. Und diese armen Kerle hier kennen nichts anders. Anspannung und Konzentration lassen aber kaum Raum für Gefühle. Emotionen sind während solcher Recherchen einfach keine gute Sache. Also machten wir weiter und filmten auch diese Tiere in ihrer unwürdigen Welt.

Freie Nerze und sozialer Wohnungsbau

Nachdem wir weitere Farmen hinter uns hatten, kamen wir zu einer Nerzfabrik mittlerer Größe, die lediglich durch einen Maschendrahtzaun umgeben war. Im Gebüsch versteckt bemerkten wir, wie uns jemand beobachte: Ein in der Farm „frei“ lebender Nerz schaute interessiert, was wir denn hier wollten. Er schaute zwischen zwei größeren Steinen frech heraus und kam uns mutig immer näher. Ein zweiter Nerz tauchte auf und sie spielten zwischen dem auf dem Farmgelände gelagerten Käfigbaumaterial. Arbeiter waren keine zu sehen, also machten wir einen kurzen Satz über den Zaun und gesellten uns zu den Nerzen, die offensichtlich aus ihren Käfigen entkommen konnten. Sie belagerten unseren Rucksack und wuselten uns über die Füße, ein für mich sehr bewegender Moment. Kurz darauf entdeckte ich in einiger Entfernung zwischen den Schuppen eine Nerzfalle, in der sich ein Tier wie wahnsinnig ohne Unterlass kopfüber im Kreis drehte und ich verstand, was dieses Tier jetzt durchmachte: Dem Käfig entkommen überleben die Tiere problemlos innerhalb der Farmen; Futter und Wasser ist dort genügend zu finden. Heraus kommen sie jedoch nicht, dafür sind die Außenzäune zu eng und insbesondere im unteren Bereich genau aus diesem Grunde mehrfach verstärkt.

Pelzfarm Die „Freiheit“ nach der Käfighaltung kennen gelernt, muss es den aktiven und bewegungsfreudigen Tieren den Verstand rauben, gefangen zu werden und erneut in einem Käfig eingesperrt zu sein. Schlimm genug nicht zu wissen, dass es eine Welt außerhalb des Käfigs gibt. Aber einmal dieser Tyrannei entkommen und dann wieder gefangen zu werden, muss unbeschreiblich sein. Immer wieder sah ich auf den Farmen in Fallen gefangen Tiere und musste dabei an „unsere“ beiden Nerze denken, die so voller Lebenslust unsere Ausrüstung in Beschlag nahmen und mit unseren Schuhen spielten.

  Pelzfarm In der Regel sind die Käfige, in denen die Tiere untergebracht sind, ähnlicher Bauart: Etwa 25-30 cm breit, 60-90 cm tief und 40-100 cm hoch. Die Käfige sind direkt nebeneinander montiert. Innen befindet sich ein kleines Nest und nach außen haben die Tiere die Sicht in die ihnen verwehrte Freiheit. Sie sind durch einen Mittelgang getrennt, den die Farmer mit dem Futterwagen befahren können. Zu unserer Verwunderung schafft es ein besonders skrupelloser Nerzfarmer, die Tiere in noch kleinere Käfige zu sperren. Das besonders Schlimme daran ist, dass hier der Mittelgang nicht existiert und die Käfige Wand an Wand stehen. Das bedeutet, dass die Tiere nach 3 Seiten familienfremden Artgenossen ausgesetzt sind, mit denen sie sich durch die Gitter bekämpfen. Die Sicht nach vorn ist ebenfalls weitgehend verbaut, da sich dort das Nest befindet. Nur ein kleiner Schlitz gewährt den Insassen einen Blick nach draußen. Die bedauernswerten Tiere in diesen Käfigreihen waren extrem gereizt und verhaltensgestört, andere völlig apathisch. Wieder einmal in einem unsere Verstecke hockend hörten wir auf dieser Farm einem Gespräch des Nerzzüchterehepaars zu: Die Ehefrau nannte diese Käfigreihen nur den „sozialen Wohnungsbau“.

Pelzfarm

Insgesamt viermal machten wir uns im Herbst 2006 auf den Weg zu den Farmen in Deutschland. Unendlich lange Autobahnfahrten von der Mitte Deutschlands hauptsächlich in den Norden und Osten der Republik. Drei Wochen Recherchen, 5.000 km Autobahn, 24 Farmen. Einige Anlagen waren geschlossen, andere wurden nur kurz von außen in Augenschein genommen, viele gefilmt und von innen besichtigt. Immer wieder die gleichen Bilder: Enge, Hoffnungslosigkeit, Wahnsinn. Tiere, die sich in ihren Gefängnissen stereotypisch hin- und her bewegten. Unwürdige Schauspiele, wohin wir auch kamen. Mehr als einmal kam es dabei zu Situationen wie eingangs beschriebenen, in der wir uns sehr anstrengen mussten, nicht entdeckt zu werden. Doch was unseren Recherchen noch fehlte, war die Dokumentation der Tötung. Jetzt im Herbst und Anfang Winter ist die Zeit, in der die Tiere gerade ihr Kinderfell ablegen, aber noch so kurzes Fell haben, um einen maximalen Profit für den Farmer zu erzielen. Eine Kunst sei es, sagen die Farmer, den richtigen Moment zu wählen die Tiere zu töten, um ihnen ihre Haut abzuziehen und sprechen von „Erntezeit“. Aber wann genau dieser Termin ist, unterscheidet sich von Farm zu Farm, von Jahr zu Jahr. Bei unseren Recherchen stießen wir jedoch bei einer Farm auf ein Tötungsdatum. Eine Woche lang sollten dort etwa 5.000 Tiere getötet werden. Und das war unsere vorerst letzte Fahrt in Sachen Pelzrecherche: die Tötungswoche auf einer Nerzfarm.

Pelzfarm Die Käfigreihen mit den Nerzen befinden sich in nach allen Seiten geöffneten Schuppen unterschiedlicher Bauform und Größe. Wir installierten eine Kamera unter dem Dach in einem der sieben Schuppen. Via Funk wurde das Videosignal bis in den nahe gelegenem Wald übertragen, wo das Aufnahmegerät versteckt war. Leider spielten uns das nasse Wetter, der Wind und die Technik immer wieder einen Streich, so dass keine verwendbaren Aufnahmen mit dieser Kamera zustande kamen. Immer wieder wurde die Kamera von uns nachts neu justiert und andere Geräte installiert. Die Funkstrecke blieb gestört. Am letzten Tag der Tötung schlichen wir uns daher selbst nahe an die Käfigreihen, während die Tötung in vollem Gange war. Der niedrige Zaun gab nicht sonderlich viel Deckung. An welcher Stelle gerade gearbeitet wurde, war zudem nicht immer eindeutig auszumachen. Der kleine Traktor war durch den Schlauch auf dem Auspuff kaum zu hören.

Pelzfarm In einem niedrigen Busch kauernd schaute ich durch ein kleines Loch im Eternitzaun, als plötzlich der Tötungstraktor vor mir auftauchte. Ich konnte den Atem des Farmbetreibers spüren, der direkt neben mir stand und dem mörderischen Treiben des Tötungstrupps immer wieder zuschaute. Das Objektiv einer kleinen Videokamera hielt ich über die Eternitwand und sah erschütternde Szenen. Der Arbeiter riss die Tiere aus ihren Käfigen und schleuderte sie durch die Luft - hinein in die Klappe der Tötungsbox. Oftmals schrien die armen Kerle minutenlang um ihr Leben. Einer nach dem anderen - Käfig für Käfig wurde geleert. Wenige Meter von mir entfernt wurden hilflose Tiere ermordet und ich musste tatenlos zusehen. Mein Puls pochte bis in den Hals, ungeheurer Wut staute sich in mir auf. Insgesamt etwa 5.000 Tiere ließen während unseres Aufenthaltes dort ihr Leben. Ein Leben voller Qualen und ein grausamer Tod für die Eitelkeit einiger dummer Menschen, die ihre Körper immer noch wie in der Steinzeit in die Haut toter Tiere hüllen.

Pelzfarm Ich hoffe inständig, dass die Veröffentlichungen der Aufnahmen dazu beitragen werden, einem generellen Pelzverbot ein großes Stück näher zu kommen. Bereits 2001 hat das Land Schleswig Holstein ein generelles Verbot von Pelzfarmen in Deutschland im Bundesrat beantragt. Das Ziel ist es, die vorliegenden Dokumentationen in TV-Sendungen zu platzieren, um den öffentlichen Druck zu erhöhen. Es sind die ersten Aufnahmen dieser Art aus deutschen Pelztierfabriken und die einzig aktuellen Aufnahmen guter Qualität überhaupt aus deutschen Farmen. Nur durch eine Verbreitung in den Medien werden wir auf breiter Front Emotionen wecken und Widerstand aufbauen. Pelzverkauf und Herstellung gehören abgeschafft und verboten.

Pelzfarm Der Widerstand gegen Pelz muss intensiviert werden. Es muss in einer zivilisierten Gesellschaft möglich sein, eine so offensive und auf einer solch breiten Front abgelehnte Tierquälerei zu stoppen. Dazu muss die Ungerechtigkeit an die Öffentlichkeit gebracht werden, auch wenn dazu unkonventionelle Wege gegangen werden müssen. Das ungefragte Betreten der Farmen ist zur Umsetzung unseres Staatsziels Tierschutz nicht nur notwendig, sondern staatsbürgerliche Pflicht. Der Schutz der „Privatsphäre Nerzschuppen“ ist der freien Meinungsäußerung nach Artikel 5 unseres Grundgesetzes zur Verteidigung des Artikels 20 a Grundgesetz deutlich unterlegen. Wer trotz allem meint, mich dafür belangen zu müssen, möge dies tun. Für mich wird couragiertes Handeln zur Pflicht, wenn Unrecht zum Normalzustand wird.

Hinweis: Die Recherche wurde von Privatpersonen durchgeführt; dieser Bericht von einer Privatperson verfasst. Animal Rights Watch e.V. ist lediglich für die Veröffentlichung der Bilder verantwortlich.

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