„Superkühe" sind kein Journalismus
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Offener Brief an den Intendanten des WDR

„Superkühe" sind kein Journalismus

kalb Sehr geehrter Herr Buhrow,

Animal Rights Watch (ARIWA) schätzt den WDR als einen Sender, der seine gesellschaftliche Aufgabe, möglichst objektiven und, wo immer nötig, kritischen Journalismus zu betreiben, mit zahlreichen Formaten wahrnimmt. In der öffentlichen Debatte über den Umgang mit sogenannten „Nutztieren leisten Ihre Redaktionen immer wieder wertvolle Aufklärungsarbeit, auch mit Recherchematerial unseres Vereins. Viele Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen die Realität in deutschen Ställen und berichten sachlich darüber. Dachten wir.

Und dann waren da plötzlich die „Superkühe. Ein Projekt, das sich als journalistisch und aufklärerisch geriert, neue Einsichten aus „ungewöhnlicher Perspektive bieten will – und am Ende doch nur überkommene Vorstellungen reproduziert. Zum Schaden der Tiere.

Milchkühe Gesicht Zwar thematisiert „Superkühe durchaus einige fragwürdige, eindeutig grausame und schmerzhafte Praktiken in der Milchwirtschaft – wie die Trennung von Kuh und Kalb oder das Enthornen der Kälber. Fragen nach der Legitimation dieser Praktiken werden jedoch nicht gestellt. Sie könnten auch gar nicht beantwortet werden, ohne das Empfinden der Kühe einzubeziehen – was von vornherein als unerwünscht ausgeschlossen wird.

Stattdessen bleibt das Format von Anfang bis Ende der Sichtweise der Tiernutzer verhaftet. Geradezu perfide dabei: Im Chat werden den betroffenen Kühen Worte in den Mund gelegt, welche von den Menschen stammen könnten, die ein finanzielles Interesse an den gezeigten Praktiken haben – und daran, dass die Zuschauer/innen das Gesehene nicht emotional wahrnehmen und nicht moralisch bewerten. Die gewählte Perspektive, das Sich-Nicht-Einlassen auf die Emotionen der Kühe, verstärkt lediglich das Bild von Tieren, das wir aus der Tierindustrie kennen: Ihr wichtigster Zweck und ihr Wert besteht in ihrem Nutzen für den Menschen. Möglich und nötig ist allein, was wirtschaftlich und praktikabel ist, die Gefühle der Tiere spielen keine Rolle.

Milchkuh riesiges_Euter Die Realität ist aber: Jede Kuh hat ein komplexes Gefühlsleben, starke familiäre Bindungen und eine individuelle Persönlichkeit. Kühe sind Weidetiere, die mehrere Kilometer am Tag zurücklegen und selbstbestimmt soziale Beziehungen pflegen würden, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. Dies zu unterschlagen und stattdessen zu suggerieren, Individuen hätten statt ihrer eigenen Bedürfnisse ihre aufoktroyierte Funktion als Produktionsmittel im Sinn, ist nicht nur ideologisch gefärbt und hochgradig manipulativ. Es ist auch vorgestrig und eines öffentlich-rechtlichen Senders nicht würdig.

„Superkuh Uschi würde wohl kaum die Worte wählen, die ihr in den Mund gelegt werden, nachdem ihr zum wiederholten Mal ein Kind entrissen worden ist: „Naja, ich kenne das ja schon, ist ja bereits mein sechstes Kalb. Und auch die anderen durften nicht lang bei mir bleiben. So ist das in der Milchviehhaltung. Die Kälber wachsen getrennt von ihren Müttern auf. So ist das System. Oder die schönfärberischen Worte, mit denen sie vorgeblich die Isolationshaltung im Kälberiglu beschreibt: „Meinem Kalb geht es wohl ganz gut. Sagt zumindest Bauer Andreas. Es hat eine eigene Box draußen. Ein Metallgitter und zwischendrin: der Plastikiglu, damit es vor Wind und Regen geschützt ist. Da hat Andreas die beste Kontrolle darüber, wie es ihm geht. Und das Kleine kann so lernen, aus dem Eimer zu trinken, bevor es in die Kälbergruppe kommt. Hier käme der ganze Alltag durcheinander, wenn die Kälber bei uns bleiben würden.

Dass es in Wahrheit um den Hofalltag der Menschen und das Funktionieren der Tiere geht, macht auch schon der Grundansatz der Reihe deutlich. Denn die Besonderheit und das Verkaufsargument dieses Formats ist letztlich der „Sensorjournalismus, der zwar einen Blick ins Innenleben der Kühe verspricht, tatsächlich aber nur deren Körperfunktionen meint. Denn was lernen wir vom pH-Wert im Pansen darüber, wie es sich für eine Mutterkuh anfühlt, wenn sie ihr Kind verliert? Was lernen wir darüber, wie es sich anfühlt, auf Betonspalten zu leben, in großen Gruppen, ohne nennenswerte Bewegungsfreiheit? Oder darüber, die eigenen Hörner ausgebrannt zu bekommen?

Milchkühe verkoteter_Boden Und wie objektiv ist eine Darstellung, die den interviewten Tierarzt sagen lässt, das Sozialverhalten der Kühe werde durch das Enthornen nicht beeinträchtigt, die Prozedur sei vielmehr nötig, da sich die Tiere sonst gegenseitig verletzen? Die aber gleichzeitig mit keinem Wort erwähnt, dass Aggressivität und gegenseitige Verletzungen auf die artfremde Herdengröße zurückgehen, auf die große Enge in den Anlagen und darauf, dass die Tiere aufgrund der sofortigen Trennung von ihren Müttern keine Möglichkeit haben, ein arttypisches Sozialverhalten zu erlernen? Kurz: dass das Enthornen nur im Rahmen der vom Menschen auferlegten Zwänge „nötig ist? Eine brutale Notwendigkeit, hervorgerufen durch ein brutales System.

Ein Format, das sich als Beitrag zur Meinungsbildung versteht, kann nicht eine derart einseitige, beschönigende Perspektive als Grundlage wählen. Objektivität wäre bei diesem Thema nur möglich gewesen, wenn ernsthaft versucht worden wäre, auch die reale Perspektive der Kühe einzunehmen, ihre natürlichen Verhaltensweisen, Eigenschaften, Interessen und Bedürfnisse zu zeigen. Nichts davon war bei „Superkühe der Fall. Dass ein solches Konzept als Journalismus verkauft wird, ist eine Frechheit. Mit Aufklärung, für die der WDR sonst steht, hat das nichts zu tun.

Mit freundlichen Grüßen

Animal Rights Watch e.V.

Alle Fotos stammen aus Recherchen die ARIWA veröffentlicht hat. Sie geben ein realistischeres Bild von der Milchindustrie wieder, als die „Superkühe.

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