Kaninchenfreiheit
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Projekt Kaninchenfreiheit

kaninchenfreiheit Der Moment, an dem sich eines der bei uns lebenden Riesenkaninchen durch einen in mühevoller Arbeit angelegten Tunnel aus dem Gehege buddelte, um einen Tag in den Gärten der Nachbarschaft zu verbringen, veränderte das Leben der bei uns wohnenden Kaninchen nachhaltig. Heute genießen sie ihre Tage als freie Grundstücksbewohner.

Chefins Ausbruch

„Das hoppelt schon den ganzen Vormittag hier rum, scheint Spaß zu haben", meinte der Pflegestellen-Nachbar. Ja, so sah das aus: die Riesenkaninchenchefin auf Nachbars englischem Rasen, sehr schön. Die bange Frage: wie soll das gelingen, sie jemals wieder einzufangen und ins sichere Gehege zurück zu befördern? Chefin war schon immer „anders": extrem scheu, nicht anfassbar, mit Fluchtdistanz zu Menschen von mehreren Metern. Trotzdem: Käscher raus und ab in Nachbars Garten. Dieser Anblick reichte ihr zum Glück, um das zu tun, was in dem Fall die richtige Entscheidung war: Chefin trat den Rückzug an. Und wo sonst sollte sie sich in Sicherheit bringen, als bei ihrer Familie in ihrem „Bau" – und schwupps durch den Zaun, ab durch den Fluchttunnel zurück ins Gehege. Fein.

mausi In Sicherheit und Gefangenschaft

Schon beim Zubuddeln des Tunnels in die Freiheit kam ich mir vor wie der hinterletzte Tierquäler. Da saßen sie, die Riesen, in ihrem tollen großen Gehege, sicher vor sämtlichen Gefahren – und ihrer Freiheit beraubt. Ab da war klar: so geht das nicht weiter. Aber wie sollte es gehen, das Grundstück war zwar komplett eingezäunt, die Zaunhöhe allerdings für die sportlichen Kaninchen stellenweise „viel zu niedrig", überall wucherten Giftpflanzen, sämtliche Nachbarskatzen gefühlt öfter hier als zuhause anwesend, und dann noch der große Teich mitten im Garten. Und wie sollte das funktionieren, die Kaninchen abends wieder ins Gehege zu bekommen, um sie vor Füchsen und Mardern in Sicherheit zu bringen?

Projekt Kaninchenfreiheit

Meine Überlegungen fanden nach reiflicher Abwägung der Vor- und Nachteile ein Ende zugunsten der Kaninchenfreiheit: Gewissheit, ob das „Projekt Kaninchenfreiheit" gelingen könnte, würde ich nur bekommen, wenn ich endlich die Gehegetür öffnen würde. Also: auf mit der Tür und sehen, was passiert. Mit dem Käscher in der Hand und „einsatzbereit". Es passierte – nichts. Weil sich am ersten „Tag der offenen Tür" kein Kaninchen heraustraute.

kaninchenfreiheit Erste Ausflüge und Erkundungstouren

Am zweiten Tag dauerte es nicht lange: hinter dem Hund (den Kaninchen schon lange als „keine Gefahr" bekannt) her, der mehrere Male durch die offene Gehegetür rein und raus lief, hoppelten die Kaninchen raus. Erste Aktion: am (giftigen) Efeu knabbern. Zweite Aktion: gefährlich nahe am Teich. Dritte Aktion: alle unter dornigen Sträuchern verschwunden. Allerdings: außer mir war alles völlig entspannt. Die potenziellen Gefahren hatten die Riesen im Griff: keine/r fiel in den Teich, keine/r verschwand langfristig unter den Sträuchern, die Giftpflanzen wurden nur „angetestet" und für nicht essbar befunden.

Pünktlich zum Abendessen zuhause

Die Zäune wurden von den Riesen auf ihren Erkundungstouren überhaupt nicht begutachtet oder „auf ihre Sicherheit" geprüft. Sehr wichtig war ihnen allerdings, in regelmäßigen Abständen „den Rückweg" zu kontrollieren und immer wieder kurz ins Gehege zurück zu hoppeln. Und zum Abendessen und „Einsperren" im Gehege fanden sie sich tatsächlich mehr oder weniger freiwillig ein und waren notfalls durch gezieltes Hinterherlaufen in die richtige Richtung zu bewegen.

kaninchenfreiheit Bei Gefahr blitzschnell im sicheren Versteck

Nach einer Woche Rund-um-die-Uhr-Überwachung des Kaninchenfreilaufes traute ich dem unerwarteten Frieden so weit, dass ich sie auch mal eine Stunde ohne Aufsicht ließ. Hoppeln, Gärtnern, entspannt am Teich Herumliegen, Kuscheln, unter Sträuchern herumsitzen und sich Putzen, bei „Gefahr" durch Katzen oder Menschen blitzschnell in sicheren Verstecken verschwinden und sich abends meist unaufgefordert im Gehege einfinden konnten sie tatsächlich auch ohne mich.

mausi und kroete Friedliches Zusammenleben

Jetzt, nach mittlerweile zwei Sommern und einem heftigen Tiefschnee-Winter der Kaninchenfreiheit, ist es immer noch spannend für die Kaninchen – und für uns. Sie haben auf dem von der Natur zurückeroberten Grundstück immer wieder Neues zu entdecken, die Anwesenheit der anderen Mitbewohner stört sie überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: oft liegen sie in einem der Schildkrötegehege herum und tolerieren sogar, wenn eine unter sie kriecht, der Hund darf mit ihnen aus einem Napf essen. Mittlerweile akzeptieren sie es sogar, dass wir zusammen mit ihnen auf der Terrasse sitzen. Freilaufende Katzen, Postboten oder durchs Gesträuch kriechende Ringelnattern sorgen allerdings nach wie vor vor allem bei der Chefin für Aufregung – aber auch in diesem Fällen tritt sie nicht die Flucht über den Zaun an.

kaninchenfreiheit Friede am Zaun

In der gesamten Zeit hatten wir lediglich einen „Zaununfall": wieder die Chefin, zu Besuch in der Nachbarschaft. Das Problem war nur: hin war sie irgendwie gekommen – aber zurück gab es keinen Weg, so dass wir in diesem Fall nachhelfen mussten. Ansonsten herrscht „Friede am Zaun": keine/r probiert auch nur ansatzweise, sich durchzubuddeln oder drüber zu springen. Ihr Grundstück von ca. 700 Quadratmetern scheint als Revier auszureichen. Und selbst wenn „versehentlich" eine/r der Riesen außerhalb des Zaunes landet, hätten sie vorrangig im Sinn, wieder zurück zu kommen – und nicht, sich zu entfernen.

kaninchenfreiheit Das wahre Leben der Kaninchen

Erst jetzt, nach fast 20 Jahren „aktivem Tierschutz mitsamt Rettung unzähliger Kaninchen", haben wir eine ungefähre Vorstellung von den Fähigkeiten, Bedürfnissen und dem Leben von Kaninchen – die wir ohne Chefins „Flucht" vielleicht nie oder erst noch später bekommen hätten. Dass Kaninchen nicht in Ställe und Käfige und natürlich auch nicht in Einzelhaltung gehören, war uns zwar schon klar, als die ersten beiden Deutschen Riesen zu uns kamen. Dass allerdings auch die Haltung im noch so „schönen" noch so „großen" Gehege den Bedürfnissen der Tiere auch nicht wirklich gerecht wird, haben wir lange Zeit „mangels Alternativen" hingenommen, weil wir die Haltung „freilaufender" Kaninchen aufgrund diverser möglicher Gefahren für nicht realisierbar hielten.

kaninchenfreiheit Ein Problem bleibt

Ein letztes Problem allerdings werden wir nicht lösen können: das aus Sicherheitsgründen notwendige nächtliche Einsperren im Gehege – Marder, Füchse und andere nachtaktive Raubtiere vom Grundstück und den Kaninchen fern zu halten, ist hier nahezu unmöglich. Und so müssen wir die Kaninchen über Nacht ihrer Freiheit berauben, was für sie - die eigentlich dämmerungsaktiv sind - bedeutet, dass sie diese Aktivitätsphasen leider nach wie vor in ihrem Gehege verbringen müssen.

Vom „Schlachthasen" zur freilaufenden Chefin

Danke an die Chefin, dass wir durch sie dann doch endlich erfahren durften, welches Leben Kaninchen führen, wenn man sie lässt. Chefin kam vor einigen Jahren als mickriges dürres Baby eines „Schlachthasenwurfes" zu uns. Dank des beherzten Handelns einer Tierfreundin konnte sie ihrem frühen Tod, den ein Züchter und „Hobbyschlachter" für sie vorgesehen hatte, entkommen - und darf nun bei uns den Rest ihres Lebens als freilaufende Chefin genießen.

mausi Mausis Glück – ein blindes Kaninchen erobert seine Welt

Als Mausi, eine ganz junge Riesenscheckin, im letzten Winter zu uns kam und wir feststellten, dass sie gänzlich blind ist, gingen alle Überlegungen von vorne los. Mausi hockte nur in ihrer Hütte im Gehege, anfangs rannte sie gegen, Bäume, Zäune, Hütten, die anderen Kaninchen, mich, den Hund und einfach alles, was im Weg stand, wenn sie ihre Hütte mal verließ. Mehr oder weniger täglich beschloss ich, sie aus der Riesengruppe zu entfernen und irgendwo „in Sicherheit zu bringen" – und zum Glück habe ich das nie in die Tat umgesetzt, weil sie immerhin kleinste Fortschritte machte und die Vergesellschaftung der Neuen über Wochen eine einzige Katastrophe war, für die es keinen „zweiten Versuch" geben würde.

mausi sprung Auch wenn es lange gedauert hat: Mausi hat sich das Revier erarbeitet, nachdem sie endlich den Weg durch die Tür nach draußen gefunden hatte. Sie nutzte die Gelegenheit für erste Ausflüge im tiefen Schnee, als die anderen es vorzogen, „Drin" zu bleiben. Fräste sich ihre Wege durch den Schnee, hat jeden Weg x-mal „ausprobiert", orientiert sich hervorragend an ihren Geländemarken, hat jeden Meter erobert und kennt sich bestens aus. Für sie unüberwindbare Hindernisse wie 20 Zentimeter hohe „Schildkrötenbretter" (offenbar „Wände mit unkalkulierbarem Dahinter") haben wir mittlerweile so modifiziert, dass auch das für sie kein Hindernis mehr ist.

Kollisionen sind heute selten, selbst wenn Mausi es eilig hat – solange nichts im Weg steht, was dort nicht hingehört, wie herumlaufende Katzen oder unglücklich herumstehende Mülltonnen. Den Teil der Terrasse, wo die Gartenmöbel mal hier und mal da stehen, meidet sie. Der Teich wird von ihr mit aller Vorsicht umrundet – während ihr vor Selbstbewusstsein strotzender Bruder mehr als einmal mit nassen Füßen für seine übermütigen Ausflüge auf den leicht zugefrorenen Teich „belohnt" wurde.

mausi im schnee Mausi zu sehen, wie sie zielstrebig ihre Lieblingsplätze ansteuert, im Weg stehendes Grünzeug aus dem Weg knabbert und dann irgendwo genüsslich kauend in der Sonne liegt, bestenfalls noch eine am selben Blatt mitkauende Schildkröte neben sich, ist einfach ganz besonders schön. Weil es so „unmöglich" schien.