Kaninchenmast
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Kaninchenmast: Bundeslandwirtschaftsministerium will Tierquälerei legalisieren

Foto: VIER PFOTEN / farmwatch Eingepfercht in kleinen Drahtgitterkäfigen, die empfindlichen Pfoten drücken sich durch die Bodengitter, sie können sich in ihren Gefängnissen weder aufrichten noch herumlaufen, sie haben entzündete Augen, Verletzungen, abgebissene Ohren: das ist das Bild, was sich so oder ähnlich beim Blick in eine der 58 größeren gewerblichen deutschen Kaninchenzucht- und Mastanlagen bietet. Geschätzte 20-40 Millionen Kaninchen werden so jährlich produziert, um auf den Tellern der Verbraucher zu landen. Bislang wird die Kaninchenhaltung in Deutschland wie „rechtsfreier Raum“ behandelt, wo zu Lasten der Tiere alles möglich ist. Mit einer neuen Verordnung aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium soll nun Unrecht zu Recht werden.

EFSA: „Deutliche Defizite in der Mastkaninchenhaltung“

Foto: VIER PFOTEN / farmwatch „Aus Tierschutzsicht bestehen deutliche Defizite in der Mastkaninchenhaltung“ lautete 2005 das Fazit eines Berichtes des Wissenschaftlichen Ausschusses für Tiergesundheit und Tierschutz der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA-Q-2004-023: Scientific report on the health and welfare of domestic rabbits). Bemängelt wurde die Haltung von Kaninchen auf reinen Drahtgitterböden, die geringe Käfighöhe, das Fehlen von Beschäftigungsmaterial, zu hohe Besatzdichten sowie Mortalitätsraten von bis zu 30 %, wie sie bei der Aufzucht und Mast von Hauskaninchen keine Ausnahme darstellen.

Keine wissenschaftlichen Kenntnisse vorhanden“

Foto: VIER PFOTEN / farmwatch Welche Konsequenzen aufgrund dieser Erkenntnis folgen sollten, konnte der EFSA-Bericht nicht klären, weil „einige wissenschaftliche Fragestellungen bisher nicht ausreichend beantwortet“ seien und „im Vergleich zu anderen Nutztierarten weniger Kenntnisse über die Voraussetzungen einer tiergerechten Kaninchenhaltung vorliegen“ würden, somit keine Bewertung der Artgerechtigkeit von Haltungseinrichtungen möglich sei. Folglich auch ohne weitere Forschung keine spezifischen Haltungsvorgaben für Mast- und Zuchtkaninchen festgelegt werden könnten. Für eine Regelung der Kaninchenhaltung auf EU-Ebene war demnach keine „wissenschaftliche Grundlage“ – zur Freude der Mitgliedsstaaten, die keine Regelung wollen.

Forschungsprojekt: Kaninchenhaltung

Foto: VIER PFOTEN / farmwatch Deutschland plant den nationalen Kaninchenschutz-Alleingang: Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) vergab 2006 ein Forschungsprojekt mit dem Titel „Untersuchungen zur Gruppengröße und zum Flächenbedarf in der Mastkaninchenhaltung“ an die Justus-Liebig-Universität Gießen. In Erwartung des Projektberichtes nach Ablauf von drei Jahren kündigte Ministerin Aigner eine eingehende Auswertung des Abschlussberichtes und unter Zuhilfenahme weiterer Erkenntnisse eine Änderung der Nutztierhaltungsverordnung an, die den „Tierschutz bei Kaninchenhaltung zu Erwerbszwecken“ regeln sollte.

Tierschützer fordern Kaninchenhaltungsverordnung

Foto: VIER PFOTEN / farmwatch Warum überhaupt eine Aufnahme der Kaninchenhaltung in die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung? „Weil sie seit langem von verschiedenen Tierschutzverbänden gefordert wird“, so der Bundesrat. Viele Tierschutzorganisationen bemängeln seit Jahren das Fehlen spezifischer Haltungsvorgaben, weil ihrer Ansicht nach durch die allgemeinen Tierschutzanforderungen des Tierschutzgesetzes der Tierschutz nicht ausreichend gewährleistet werden könne. Dass der Hase eher dort begraben liegt, wo ein bestehendes Gesetz keine Anwendung findet, stand nicht zur Diskussion.

Nutztierhaltungsverordnung vs. Tierschutzgesetz

Kaninchen, Foto: L214 Zur Erinnerung ein Blick ins Tierschutzgesetz: „Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen und darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden.“ Diese allgemeinen Vorgaben gelten auch für „als Nutztiere gehaltene“ Kaninchen. Jedoch nur solange, bis eine Verordnung spezifische Haltungsbedingungen näher regelt.

Forschungsergebnis: Hohe Mortalität und Morbidität

Foto: VIER PFOTEN / farmwatch Zurück zur Forschung. Der 2009 vorgelegte Abschlussbericht des über 60.000 Euro teuren Projektes hat mit Tierschutz nicht viel zu tun. Geforscht an über 1000 Kainchen wurde in Käfigen auf Gitterböden. Zielsetzung der wissenschaftlichen Untersuchungen: die Feststellung maximal möglicher Besatzdichten und Gruppengrößen bei minimalem Platzangebot und bestem „Produktionsergebnis“. Extreme Probleme mit Kokzidien, unerklärliche Krankheitsausbrüche, hohe Mortalitätsraten, viele verletzte Tiere, große Verluste durch Futterumstellung auf Mastfutter, wenn nicht gleichzeitig Antibiotika verabreicht wird. Weitere Erkenntnis: allein von engstem Eingesperrtsein und ohne die Möglichkeit, sein arteigenes Verhalten auszuüben und sich bewegen zu können, stirbt das Kaninchen nicht.

Entwurf zur Änderung der Nutztierhaltungsverordnung: „Tierschutz“?

Foto: VIER PFOTEN/farmwatch Drei Jahre vergingen, bis im März 2012 der Entwurf zur Änderung der Nutztierhaltung in Bezug auf die gewerbliche Kaninchenhaltung auf dem Tisch lag. Entstanden auf Grundlage der „Forschungsergebnisse“. Nach Beratung mit den Bundesländern, Verbänden und der Tierschutzkommission und Zustimmung des Bundesrates sollte die Änderung der Nutztierhaltungsverordnung noch 2012 in Kraft treten – mit großzügigen Übergangsfristen für Umbaumaßnahmen bestehender Kaninchenmastanlagen von bis zu 8 Jahren. Übergangsfristen sollen auch für Mindestflächen pro Tier gelten. Landwirtschaftsministerin Aigner nennt das, was herausgekommen ist, „Tierschutz“. Mit einer „Orientierung an den Bedürfnissen der Tiere“. Mehr Verrat am Kaninchen geht wohl nicht.

„Tiergerechtes Bewegungsverhalten“ auf dem Blatt Papier

Zuchttier, Foto: VIER PFOTEN / farmwatch Orientiert wurde sich jedoch offensichtlich bis ausschließlich mehr an den Bedürfnissen derjenigen, die Kaninchen „zu Erwerbszwecken“ halten. Falls der Verordnungsentwurf den Weg in die Nutztierhaltungsverordnung schafft, statt in der Tonne zu landen, wo er hingehört, werden weiterhin Millionen von Kaninchen jährlich unter erbärmlichsten Bedingungen gezüchtet und zur Schlachtreife gemästet werden. Zuchthäsinnen sollen nach der „Tierschutz“-Verordnung in Gitterkäfigen von 60 mal 100 Zentimetern ihr Leben verbringen - und diesen „Platz“ mit einem Dutzend ihrer Kinder bis zum Absetzen teilen. Raum für „Tiergerechtes Bewegungsverhalten“ soll ein Käfig gleicher Abmessung für 6 Mastkaninchen bieten. Fläche pro Mastkaninchen bei Gruppen mit mehr als 10 Tieren: 800 cm² - geringfügig mehr als die Größe eines DinA4-Blattes.

Kaninchenzucht und Mast bleiben Tierquälerei

Foto: VIER PFOTEN / farmwatch Sollte die Verordnung die Zustimmung des Bundesrates finden, werden Kaninchenproduzenten und Mäster sicherlich dagegen klagen. Nicht nur, weil die Flächenvorgaben für sie „schon viel zu großzügig“ sein werden und sie zukünftig Todesstatistiken für ihre Betriebe führen sollen. Auch, weil die Verordnung ausschließlich für „zu Erwerbszwecken gehaltene“ Kaninchen gelten soll. Nicht für „Hobbyzüchter“, nicht für „Heimtierhalter“ – rechtlich wahrscheinlich kaum haltbar. Wie es auch kommt: Kaninchenzucht und Mast werden Tierquälerei bleiben. Egal ob mit oder ohne „spezifische Haltungsvorgaben“ und Verordnung. Solange das Tierschutzgesetz für Kaninchen außer Kraft gesetzt bleibt und Kaninchenfleisch Abnehmer findet, bleibt auch ihre Qual und das massenhafte Sterben schon während Aufzucht und Mast.

„Forschungsprojekt Kaninchenhaltung“ mal ganz anders

Kaninchen Sind heutige „Zucht- und Mastkaninchen“ so degeneriert, dass ihr Verhalten sich bedeutend von dem ihrer wilden Vorfahren unterscheiden? Nein. Mehr zu „Mast“kaninchen und Kaninchenfreiheit hier.

Text: Animal Rights Watch
Fotos: VIER PFOTEN/farmwatch (Bilder 1-5, 7-10), L214 (Bild 6), Animal Rights Watch (Bild 11)

Die Links zur Mastkaninchen-Verordnung hier: