Ein Schwein wird getötet
Petition eingereicht

Mehr als 8500 Menschen fordern mit uns eine regelmäßige Überwachung von Tierkörperbeseitigungsanlagen. Wir danken allen Unterzeichner*innen.

Das große Sterben sichtbar machen!

Hinter den Mauern der Tierindustrie leiden und sterben weit mehr Tiere, als die offiziellen Statistiken erkennen lassen. Dieses versteckte Tierleid muss ans Licht kommen.

01. April 2020

UNSERE PETITION

Viele Millionen sogenannter „Nutztiere“ sterben in Deutschland lange vor der Schlachtung. Niemand weiß genau, wie viele. Niemand prüft, aus welchen Betrieben diese Tiere stammen, welches Leid sie dort erfahren haben und was letztlich zu ihrem Tod geführt hat. All dies verschwindet in den Tierkörperbeseitigungsanlagen wie in einem schwarzen Loch.

Am 1. April 2020 haben wir deshalb mit einer Petition an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner eine umfassende Dokumentationspflicht und regelmäßige, öffentliche Kontrolle von Tierkörperbeseitigungsanlagen gefordert (Wortlaut siehe unten sowie im Petitionsformular). Die Ergebnisse dieser Überwachung könnten eine ehrlichere und seriösere Grundlage für die öffentliche Debatte darüber schaffen, welches Tierleid unsere Gesellschaft mit ihrem Konsum tatsächlich verursacht. Bedingt durch Corona-Pandemie, erfolgte die Übergabe des Petitionstexts mit rund 8500 Unterschriften per E-Mail.

EIN UNGEEIGNETER GESETZENTWURF

Zugleich mit der Petitionsübergabe haben wir die Ministerin aufgefordert, ihren im Februar 2020 vorgelegten Entwurf zur Änderung des Tierschutzgesetzes, der eine Überwachung von Tierkörperbeseitigungsanlagen grundsätzlich ermöglichen soll, in mehreren Punkten zu überarbeiten. Denn dieser Entwurf erfüllt nicht annähernd den Zweck, das große Sterben der Tiere in deutschen Zucht- und Mastanlagen transparent zu machen. Dazu müsste mindestens das Folgende gewährleistet sein:

Der Gesetzentwurf sieht Kontrollmöglichkeiten in Tierkörperbeseitigungsanlagen nur für Schweine und Rinder vor. Wie viele Millionen Hühner, Puten, Schafe, Ziegen, Kaninchen, Pferde und andere Tiere in den Anlagen landen und woran sie sterben, bliebe damit weiter im Dunkeln.
Der Gesetzentwurf verpflichtet die Behörden nicht dazu, Kontrollen vorzunehmen, schon gar nicht regelmäßig. Damit wäre absehbar, dass Kontrollen in Tierkörperbeseitigungsanlagen bestenfalls vereinzelt stattfinden würden, um bestehenden Verdachtsfällen nachzugehen. Der eigentliche Zweck des Gesetzes, durch regelmäßige verdachtsunabhängige Untersuchungen Transparenz bezüglich der Anzahl der gestorbenen Tiere und ihrer Todesursachen zu schaffen, würde dadurch unterlaufen.
Nur eine Offenlegung des gesamten bisher unsichtbaren Tierleids ermöglicht eine ehrliche gesellschaftliche Debatte über den Umgang mit sogenannten „Nutztieren“. Daher sind nicht nur verpflichtende Kontrollen in Tierkörperbeseitigungsanlagen unabdingbar, sondern auch eine regelmäßige Veröffentlichung der Ergebnisse dieser Überwachung. Der bisherige Gesetzentwurf sieht keines von beidem vor.
Dem Gesetzentwurf zufolge wäre nach drei Jahren zu prüfen, ob die Kontrollen für die Tierkörperbeseitigungsanlagen „hinnehmbar“ sind. Das kann aber kein Kriterium dafür sein, ob die Überwachung fortgeführt wird. Denn der momentane Zustand der faktischen Straflosigkeit von Tierquälerei und Vernachlässigung in der Tierindustrie ist definitiv nicht hinnehmbar.

UNSERE Erwartungen

Ob die schon jetzt chronisch überlasteten Veterinärbehörden in der Lage wären, eine regelmäßige Überwachung von Tierkörperbeseitigungsanlagen durchzuführen, ist durchaus fraglich. Viel unwahrscheinlicher ist aber, dass sie dann ohne jede Verpflichtung aus eigenem Antrieb heraus solche Kontrollen vornehmen werden. Neben Zeitmangel sind nämlich auch die üblichen Interessenkonflikte zu erwarten: Ein Veterinäramt, das in einer Tierkörperbeseitigungsanlage regelmäßig Hinweise auf Tierquälerei feststellt, müsste sich die Frage gefallen lassen, wieso es diese Tierquälerei nicht schon bei der Überwachung der betreffenden Tierfabriken festgestellt hat.

Hinzu kommt, dass der Gesetzentwurf den Tierkörperbeseitigungsanlagen die Möglichkeit einräumt, für Beeinträchtigungen des Betriebsablaufs eine finanzielle Entschädigung von den Veterinärämtern zu fordern. Damit dürfte die Motivation der Behörden vollends gegen Null gehen. In der vorliegenden Form wäre die geplante Gesetzesänderung also ein Muster ohne Wert.

Ob etwas anderes zu erwarten ist? Wir werden die weitere Entwicklung verfolgen und Sie auf dem Laufenden halten. Die Offenlegung des alltäglichen, millionenfachen Tierleids kann ohnehin nur ein erster Schritt sein, um das grundlegende Unrecht an den Tieren zu beenden. Und niemand muss auf diesen Schritt warten, um selbst aktiv zu werden: durch die Umstellung auf ein tierfreundliches veganes Leben, durch die Verbreitung der veganen Lebensweise und das Hinarbeiten auf ein Ende jeglicher Tiernutzung anstelle nutzloser Reformen.

Die Petition im Wortlaut

Petition für eine umfassende Dokumentationspflicht und regelmäßige, öffentliche Kontrolle von Tierkörperbeseitigungsanlagen

Sehr geehrte Frau Ministerin,

wir fordern Sie auf, eine Rechtsgrundlage dafür zu schaffen, dass:

  1. tierschutzrelevante Befunde bei allen Falltieren aus landwirtschaftlichen Betrieben und gewerbsmäßigen Tierhaltungen (Schweine/Ferkel, Rinder/Kälber, Hühner, Puten und andere Vögel/Küken, Schafe/Lämmer, Ziegen, Kaninchen und Pferde) in deutschen Tierkörperbeseitigungsanlagen systematisch und regelmäßig erhoben werden,
  2. eine verpflichtende detaillierte Dokumentation eingeführt wird, die konkret sichtbar macht, wie viele Tiere von welchem Betrieb angeliefert werden,
  3. die Rückverfolgbarkeit* der Tiere zu den letzten Haltungsbetrieben gewährleistet ist und
  4. die ermittelten Ergebnisse (Tierzahlen und Befunde) jährlich veröffentlicht werden.

Begründung:

Wissenschaftliche Studien aus Deutschland und Österreich deuten darauf hin, dass Tiere systematisch und in großer Zahl sterben oder getötet werden, bevor sie das „Schlachtalter“ erreichen – oft nach einem langen Leidensweg. 2017 zeigte eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover erstmals, dass in deutschen Zucht- und Mastanlagen jährlich mehr als 20 Prozent aller Schweine (13,6 Millionen Tiere) sterben. Das genaue Ausmaß ist jedoch nicht bekannt, da bisher eine systematische Erhebung der Anzahl der Tiere, die jährlich in Tierkörperbeseitigungsanlagen entsorgt werden, nicht erfolgt. Lediglich die Anzahl verendeter Rinder wird statistisch erhoben.

Auch systematische amtliche Erhebungen zu tierschutzrelevanten Befunden an Falltieren werden in Deutschland bisher nicht durchgeführt. Hier weist die Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover darauf hin, dass 13,2 % der Mastschweine und 11,6 % der Zuchtschweine tierschutzrelevante Krankheitsanzeichen und Verletzungen zeigen, bei denen davon auszugehen ist, dass sie zu länger anhaltenden erheblichen Schmerzen und Leiden des betroffenen Tieres geführt haben. Viele Schweine werden der Studie zufolge auf grausame Weise getötet: Bei 61,8 % der Tiere kann bei der Tötung von einem Verstoß gegen das Tierschutzgesetz ausgegangen werden. Wenn diese Zahlen repräsentativ sind, muss davon ausgegangen werden, dass systematische Tierquälerei in vielen Betrieben an der Tagesordnung ist.

Schlachtkörperuntersuchungen in Schlachthöfen sind alleine nicht geeignet, Aufschluss über die Art und das Ausmaß tierschutzrechtlicher Verstöße in Tierhaltungsbetrieben zu geben. Erst die zusätzliche systematische Dokumentation und Untersuchung von Tierkadavern in den Tierkörperbeseitigungsanlagen, verbunden mit der Möglichkeit zur Rückverfolgung* der Herkunft dieser Tiere, ermöglicht einen vollständigen, repräsentativen Überblick – und lässt somit Rückschlüsse darauf zu, ob und wie die Tiere in den Betrieben tatsächlich gelitten haben. Und erst die Veröffentlichung der Ergebnisse lässt eine ehrliche gesellschaftliche Debatte darüber zu, ob wir diese Zustände hinnehmen möchten.

Im Interesse der Tiere wie auch der Betriebe, die sich andernfalls einem Pauschalverdacht ausgesetzt sehen, ist es Ihre Pflicht, hier Klarheit zu schaffen.

*Die Rückverfolgbarkeit von Tieren zu den letzten Haltungsbetrieben ist derzeit nur bei Rindern über die Ohrmarken gegeben. Die Ohrmarken von Schafen und Schweinen lassen lediglich Rückschlüsse auf die Zuchtbetriebe, nicht jedoch auf den letzten Haltungsbetrieb zu. Vögel und Kaninchen tragen gar keine Erkennungszeichen. Um die Rückverfolgbarkeit aller Tiere zu gewährleisten, sollten Fahrer, welche die Kadaver (Schweine/Ferkel, Schafe/Lämmer und Ziegen) von den Tierhaltungsbetrieben in die Tierkörperbeseitigungsanlagen verbringen, verpflichtet werden, den abgeholten Tieren eigene Ohrmarken zu setzen. Vögel und Kaninchen sollten pro Tieranlage in Einzelchargen abgeladen werden.

Stand: 04/2020 | Text: © Animal Rights Watch e.V. | Bilder: © Animal Rights Watch e.V.

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