Die Gefährdung der Meere

Fischerei, Vermüllung und eine Erhitzung wie von 5 Atombomben pro Sekunde – das Leben in den Ozeanen des blauen Planeten ist bedroht wie nie. ARIWA und mehr als 150 Organisationen in aller Welt fordern deshalb das Ende der Fischerei – und mehr. Der Versuch eines Überblicks über die Krise.

17. Januar 2020.

Fischerei und Fischzucht

Der Ozean ist die Wiege des Lebens, er macht 90% der Lebensräume dieses Planeten aus und die Menschheit vernichtet systematisch das Leben darin. Immer größere Fangschiffe und -flotten haben in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass wiederum rund 90% dieser Lebensräume so massiv ausgebeutet worden sind, dass dort keine Fische mehr leben oder dass dieser Zustand mittelfristig droht. Die Bedrohung gilt selbstredend allen Meeresbewohnern. Laut Meeresatlas 2017 hat sich die Bevölkerung der Meeresschildkröten gegenüber historischen Quellen um 96,5% reduziert. Noch aus Kolumbus‘ Zeiten ist überliefert, dass die Besatzung nicht schlafen konnte, weil ständig Schildkröten gegen den Schiffsrumpf stießen.

Inzwischen ist das Meer also vergleichsweise geradezu leer. Fischzucht, die dieses Problem für die Konsument*innen lösen soll, geht mit vielen üblichen Problemen der Massentierhaltung einher, verseucht lokal Küstengebiete durch Unmengen von Fäkalien und Antibiotika oder zerstört natürlichen Küstenschutz, wenn etwa Mangrovenwälder abgeholzt werden, um Platz für die Zuchtanlagen zu schaffen. Und am Ende werden für die Zucht von karnivoren Arten mehr Fische als Futter gefangen, als letztlich „erzeugt“ werden.

Die Fischerei geht also weiter. Grundschleppnetze reichen bis zum Meeresgrund und vernichten dort Lebensraum, dessen Artenreichtum den Regenwäldern Konkurrenz macht. Immer häufiger titeln Zeitungen „Überfischung: Können wir jemals den Schaden, den wir angerichtet haben, rückgängig machen?“oder „Stop eating fish. It’s the only way to save the live in our seas.“ Dabei beschwören sie oft weiterhin das Bild des nachhaltigen Fischkonsums durch Siegel oder Angeln und übersehen nicht nur, dass wir keine Fische töten müssen, um zu überleben, sondern ebenso, dass die Nachfrage von acht Milliarden Menschen nach Fischfleisch sich eben selbst dann nicht decken lässt, wenn Nachhaltigkeit nur als möglichst lange erhaltbare Ausbeutung von Umwelt und Tieren verstanden wird. Ein erheblicher Teil der Fische, die heute auf den Tellern landet, wird illegal gefangen. Selbst die Reichweite von Fangquoten ist also begrenzt, solange die Nachfrage bestehen bleibt.

Nach einer Schätzung von Alison Mood, basierend auf Fischereistatistiken der FAO von 1999 bis 2007 müssen wir von 1 – 2,7 Billionen getöteten Fischen im Jahr ausgehen, wobei aber Hobbyfischerei, illegaler Fischfang, zurückgeworfener Beifang, Geisternetze und unregistriert als Futtermittel gefangene Fische nicht einberechnet sind. Bei Berücksichtigung von Angaben von FishAct (vormals: The Black Fish), wonach allein jeder zweite Fisch gefangene Fisch illegal gefangen wird, liegt nahe, dass insgesamt die 2,7 Billionen erreicht werden, was bedeuten würde, dass 7 – 8 Milliarden Fische jeden Tag getötet werden – so viele wie Menschen die Erde bevölkern.

Klimawandel und Erwärmung

An Seen und Flüssen kann in heißen Sommern beobachtet werden, wie erhöhte Wassertemperaturen Fische massenweise sterben lassen. Eine erhöhte Wassertemperatur bedeutet weniger Sauerstoff im Wasser, den seine Bewohner – genau wie wir – zum Leben brauchen. Schon eine Veränderung der Zusammensetzung des Planktons reicht, um die Nahrungskette zu stören und Fische und Vögel zu Millionen sterben zu lassen. Schildkröten müssen etwa doppelt so weit schwimmen, um Nahrung zu finden und es wird angenommen, dass ihnen dadurch Energie für die Fortpflanzung fehlt. Noch in den 1990er Jahren legten sie hundertmal soviele Eier. Und die Temperaturen steigen weiter. Tatsächlich gibt es parallel zu den immer häufigeren Waldbränden durch den Klimawandel auch vergleichbar zerstörerische Hitzewellen unter Wasser, die riesige Areale von Vegetation vernichten. Ein internationales Wissenschaftsteam analysierte den Anstieg der Wassertemperatur der Weltmeere und fand, dass sich die Temperatur in den letzten 25 Jahren durchschnittlich in einem Ausmaß erwärmt hatte, als wäre jede Sekunde die Energie von vier Atombomben wie der von Hiroshima freigesetzt worden – fünf, wenn man nur das Jahr 2019 betrachtet, das heißeste Jahr für die Ozeane seit Beginn der Aufzeichnungen. Wir merken die globale Erwärmung an Land – aber 90% trifft die Ozeane. Für Korallenriffe als empfindliche Unterwasser-Biotope, die auf die Erwärmung der Wasseroberfläche reagieren, könnte die Frage, ob die menschengemachte Globale Erwärmung sich auf 1,5 Grad begrenzen ließe oder 2 oder mehr Grad erreicht, den Unterschied machen, ob „nur“ ein Großteil der Korallenriffe oder alle sterben. Dabei ist der Klimawandel nicht die einzige Quelle reduzierten Sauerstoffs. Stellen Sie sich vor, jedes Jahr würde auf einer Fläche von Irland der Sauerstoff verschwinden. Genau das ist unter anderem in der Ostsee Wirklichkeit. Diese Todeszonen entstehen durch die Unmengen von Düngemitteln, die aus unserer Landwirtschaft in die Meere gelangen.

Nicht nur wirkt sich der Klimawandel auf das Leben in den Ozean aus, auch der umgekehrte Effekt ist möglich. Der massenhafte Fang von Meeresfischen wird mittelfristig zu einer reduzierten Kapazität der Ozeane führen, CO2 zu binden, da die Ausscheidungen von Fischen und die calciumcarbonathaltigen Gehäuse von Krebstieren entscheidend zur CO2-Bindung beitragen.

Und noch eine andere Gefahr droht Ozeanen und Klima gleichermaßen, wenn einige Menschen darauf spekulieren, Methanhydrate, eisähnliche Verbindungen am Meeresgrund, die nur bei niedrigen Temperaturen und hohem Druck stabil sind, als Energiequellen der Zukunft zu nutzen. Der Abbau allerdings könnte das klimaschädliche Methan, das sonst vor allem durch die Verdauung von Wiederkäuern entsteht, in großen Mengen freisetzen. Die Freisetzung des am Meeresgrund gebundenen Methans droht natürlich bei steigenden Wassertemperaturen im Zuge der Klimaerwärmung irgendwann sowieso – aber es bliebe die Hoffnung, dass es dauert, bis sich das Wasser am Grund erwärmt.

Militär und Atomkraft

Haben wir im letzten Abschnitt die Erwärmung der Ozeane mit Atombomben verglichen, so droht den aquatischen Lebensräumen auch ganz direkte Gefahr durch Waffen und Atomenergie. Weil Ozeane und Inseln nicht oder spärlicher von Menschen besiedelt sind, werden sie häufig als Testareal des Militärs genutzt. Es liegt auf der Hand, dass dabei unschuldige Wasserbewohner dem geprobten Krieg zum Opfer fallen. Aber auch Schall kann unter Wasser eine vernichtende Wirkung entfalten. Einige Wale können über 2.000 Kilometer kommunizieren. Durch den zunehmenden menschengemachten Lärm unter Wasser, vor allem durch die militärische U-Boot-Ortung durch Sonar, ist die Kommunikationsreichweite der Wale auf ein Zehntel begrenzt, was u.a. ihre Partnersuche beeinträchtigt und ihr Aussterben vorantreibt.

Auf den Marshall-Inseln wurden von den USA Bomben mit bis zu der tausendfachen Sprengkraft der Hiroshima-Atombombe getestet. In einem dabei entstandenen riesigen Krater wurde der atomare Müll unter einer Beton-Kuppel eingeschlossen. Durch den Klimawandel und den Anstieg des Meeresspiegels, der sie erhöhtem Druck aussetzen würde, droht diese Kuppel im Laufe dieses Jahrhunderts aufzubrechen und die 88.000 Kubikmeter Atommüll, die dort lagern, in die Meere freizusetzen. Derweil ist auch das Atomkraftwerk Fukushima, das seit 2011 den Pazifik verseucht, bis heute alles andere als unter Kontrolle. Im Sommer 2019 wurden Pläne bekannt, die pro Tag dort gesammelt 150 Tonnen kontaminiertes Wasser zukünftig direkt ins Meer zu entsorgen.

Vermüllung – und wieder Fischerei

300 Millionen Tonnen beträgt die Biomasse aller Fische in den Meeren, 270 Millionen die des Plastikmülls. In wenigen Jahren wird es also mehr Plastik als Fische im Ozean geben. Schon heute schwimmen Müllstrudel bis zu viermal so groß wie Deutschland im Pazifik. Die Hälfte der Schilfkröten hat Plastik im Magen – schon ab 14 Plastikteilen besteht für Schildkröten eine 50%-Gefahr, daran zu sterben. Einen erheblichen Anteil des Mülls macht zum Beispiel der Abrieb von Autoreifen aus, der mit dem Regen in Gewässer und letztlich ins Meer gespült wird. Studien zufolge sind außerdem 30-50% des Plastikmülls in den Meeren Geisternetze, also Netze aus der Fischerei, die sich etwa bei Sturm losreißen oder im Zuge illegaler Fangpraktiken im Meer entsorgt werden.

Fazit

Das Ende der Fischerei ist keine übertriebene Forderung. Im Gegenteil: Um das Leben in den Ozeanen wirksam zu schützen, braucht es das Ende von Fischfang und Fischzucht, aber es braucht noch viel mehr: internationale Bemühungen zum Schutz der Ozeane vor Müll, Lärm, Waffen und Atomkraft, einschließlich des Anerkennens der Verantwortung von Staaten und Konzernen für die Massensterben, die sie auf und im Ozean verursachen. Es braucht außerdem das unbedingte Festhalten am 1,5°-Ziel bei der globalen Erwärmung und eine ambitionierte Klimapolitik, die vor unbequemen Maßnahmen nicht zurückschreckt – dazu zählt auch im Sinne der Küstengewässer der Ausstieg aus der Tierproduktion zu Land wie zu Wasser.

Es gibt auch gute Nachrichten. Einige Organisationen vermelden erfolgreiche Maßnahmen gegen Vermüllung oder Geisternetze. Das Bewusstsein für die Klimakrise steigt. Schildkröten-Populationen sollen sich dank Schutzgebieten erholen und es gibt Pläne der UN, 2020 darauf hinzuwirken, ein Drittel der Land- und Meeresflächen der Erde als Schutzgebiete auszuweisen.

Fest steht: Wir können gar nicht entschlossen genug für den Schutz des Lebens in den Ozeanen eintreten, so vielseitig und so massiv ist es durch menschlichen Einfluss bedroht.

Stand: 04/2018 | Text: © Animal Rights Watch e.V. | Bilder: © PlantAge

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