Horror Schweinemast – die Reaktionen

Am 22. Oktober veröffentlichte Animal Rights Watch neue Undercover-Aufnahmen aus zwei Schweinemast- und zuchtbetrieben, die erstmals zeigten, wie kranke und verletzte Schweine in deutschen Mastanlagen sterben. Sie werden ohne medizinische Behandlung entweder einem langsamen, qualvollen Tod überlassen oder auf besonders grausame Weise getötet. Die Veröffentlichung löste ein breites Medienecho aus. Die beiden Betriebe selbst reagierten, wie zu erwarten war, mit der Entlassung der gefilmten Mitarbeiter*innen. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner spielte mit Ihrer Rhetorik der „Schwarzen Schafe“ der Tierindustrie erneut in die Hände.

06. November 2019

Entsetzen über die Realität hinter der Statistik

Die grausamen Bilder aus den beiden Betrieben in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern riefen breite Aufregung und Entsetzen hervor, erfuhren einige Beachtung in Fachkreisen und in den Medien – und sorgten auch für Wirbel im Bundeslandwirtschaftsministerium. Denn bei den dokumentierten Fällen handelt es sich nicht um Einzelfälle: Bereits 2017 ergab eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover in vier deutschen Tierkörperbeseitigungsanlagen, dass jährlich 13,6 Millionen Schweine in deutschen Zucht- und Mastanlagen sterben, ehe sie das vorgesehene Schlachtalter erreichen. Die Studie fand außerdem Hinweise darauf, dass viele dieser Tiere zu Lebzeiten erheblich gelitten haben mussten. Wie dieses Leid konkret aussieht, zeigen die nun veröffentlichten Bilder.

Presse-Echo

Nach der ersten Berichterstattung bei Spiegel Online und ARD Report Mainz berichteten zahlreiche weitere Zeitungen, TV- und Radio-Sender sowie Online-Medien. Einige Beiträge thematisierten dabei auch die grundsätzliche Systematik der Tötung von Schweinen in der Tierindustrie (Link, Link). Andere beschränkten sich auf Meldungen über die beiden Betriebe und ließen teilweise den Eindruck entstehen, durch die Entlassung der Arbeiter*innen sei das Problem bereits gelöst.

Reaktionen aus der Politik

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner und Till Backhaus, der Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, bezogen Stellung zu den Aufnahmen. In einer Pressemitteilung erklärte Ministerin Klöckner, sie erwarte von der Branche, dass „sie sich klar und hörbar abgrenzt von den schwarzen Schafen“. Und als hätte es nie eine Studie gegeben, die zeigt, dass Tierquälerei dieser Art Jahr für Jahr millionenfach stattfindet, stimmte auch Minister Backhaus in den Evergreen der „schwarzen Schafe“ ein.

Mit Forderungen nach mehr Kontrollen und Berufsverboten für ertappte Tierquäler (Klöckner) sowie nach einer Überwachung von Nottötungen mittels Videokameras (Backhaus) suggerierten beide, eine effektive Kontrolle wäre möglich und könnte Missstände beseitigen. Solange jedoch Tiere als Ware und Produktionsmittel gelten, werden grausame Zustände unvermeidlich und Tierquälerei an der Tagesordnung sein. Selbst regelmäßige, flächendeckende Behördenkontrollen würden daran nichts ändern.

Interessant hingegen war eine andere Erklärung von Ministerin Klöckner: „Wir wollen die Rechtsgrundlage für wirksame Tierschutzkontrollen in Betrieben schaffen, die tierische Nebenprodukte verarbeiten. Denn an dieser Stelle kann man von dem Zustand der Tierkörper Rückschlüsse ziehen auf mögliche Verstöße gegen den Tierschutz im Vorfeld, wie zum Beispiel im Mastbetrieb.“ Auch wenn solche Kontrollen den Tieren selbst natürlich nicht mehr helfen, können sie wenigstens – wenn die Ergebnisse veröffentlicht werden – das wahre Ausmaß des Tierleids in den Anlagen ans Tageslicht bringen. Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass dieses Vorhaben schnell und konsequent umgesetzt wird. Helfen Sie uns dabei: Unterschreiben und teilen Sie jetzt unsere Petition „Das große Sterben sichtbar machen“.

Petition zeichnen

Reaktionen der Agrarverbände und Agrarmedien

Dass die gezeigten Tötungen illegal und nicht hinnehmbar sind, wird von Landwirtschaftsseite nicht bestritten. Der Hybridschweinezuchtverband Nord/Ost spricht von „erschreckenden Bildern“. Für Detlef Kurreck, Landesbauernpräsident in Mecklenburg-Vorpommern, sind die dokumentierten Praktiken „nicht zu tolerieren“, er hält jedoch mehr Selbstkontrolle in den Betrieben und zusätzliche Schulungen der Arbeiter*innen für ausreichend. Demgegenüber nennt das Magazin fleischwirtschaft.de die rechtswidrigen Tötungen „ein bekanntes Problem“ und berichtet, dass bereits nach Bekanntwerden der Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover im Jahr 2017 Schulungen und ein Leitfaden für die Branche entwickelt worden seien.

Reaktionen der Betriebe und Kontrollbehörden

Beide Betriebe haben die betroffenen Arbeiter*innen entlassen, der Betriebsleiter der Schweinemast in Brandenburg wurde abgemahnt. Die LFD-Holding, Mutterkonzern des Brandenburger Betriebs, veröffentlichte ein Statement, das die gezeigten Tötungen verurteilt und betont, es seien Konsequenzen gezogen worden. Diese Reaktionen waren vorhersehbar: In fast allen Fällen wälzen diejenigen, die in einem Betrieb das Sagen haben, die Verantwortung auf die Angestellten ab und verkünden, nach deren Entlassung seien die Probleme behoben. Dabei sind es gerade nicht individuelle Fehler, sondern ökonomische Motive, die dazu führen, dass kranke und verletzte Schweine nicht behandelt und oft brutal getötet werden.

Der Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern wurde vom zuständigen Veterinäramt kontrolliert, der Kreis Ludwigslust-Parchim hat Strafanzeige gegen den Schweinemastbetrieb wegen unsachgemäßer Tötung gestellt. Gleichzeitig hat der Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern Anzeige wegen Hausfriedensbruchs erstattet. Das Brandenburger Veterinäramt prüft, ob Straftaten vorliegen.

Gesellschaftliche Debatte

Auch ARIWA hat Strafanzeigen gegen die Verantwortlichen der beiden Betriebe gestellt. Viel wichtiger als die Verfolgung einzelner Straftäter und die Sanktionierung weniger ausgewählter Betriebe unter vielen ist jedoch der gesamtgesellschaftliche Diskurs, der durch solche Recherchen und Veröffentlichungen ausgelöst wird. Ein Diskurs nicht nur über „Systemfehler“ und die Notwendigkeit politischer Maßnahmen, sondern einer, der vor allem die Zukunft der „Nutztierhaltung“ und ihre ethische Vertretbarkeit hinterfragt. Denn angesichts millionenfacher Wiederholung lassen sich solche Fälle nicht anders erklären, als dass Tierqual ein immanenter, unvermeidlicher Teil dieses gewalttätigen Systems aus Ausbeutung und Tötung ist. Welche andere Konsequenz kann es dann geben, als dieses System schnell und einvernehmlich zu beenden?

Niemand braucht Fleisch, niemand braucht Eier oder Milch. Und niemand braucht so zu tun, als wäre irgendetwas davon möglich, ohne Tieren Leid und Qualen zuzufügen.

Stand: 11/2019 | Text: © Animal Rights Watch e.V. | Bilder: © Animal Rights Watch e.V.

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